Die Geburt des Cancelgotts und die Auslöschung der Menschheit

Kunstprojekt zur Annäherung an ein ungreifbares Phänomen

„Cancel Culture“, das systematische Diffamieren und Ausgrenzen von unerwünschten Gedanken und Personen, ist heute zu einem solch gewaltigen Phänomen angewachsen, dass es nun glücklicherweise auch eine reichweitenstarke Gegenbewegung mit zahlreichen Unterstützern des öffentlichen Lebens gibt, die diesem Ungeist entgegentreten (siehe >> idw-europe.org). Die Tragweite des Begriffs „Cancel Culture“ kommt einem vielleicht erst dann zu Bewusstsein, wenn man ihn ins Deutsche übersetzt: Man müsste dann von einer regelrechten „Auslöschungskultur“ sprechen, mit der wir es zu tun haben.

Der Künstler Lubomir Arsov und der Schriftsteller Peter Limberg haben dieses Szenario der Auslöschung auf eindrückliche Weise in ein Bild umgesetzt (siehe obiges Video). Nach Bekunden der Autoren sollen uns die hierbei verwendeten metaphysischen Metaphern vor Augen führen, dass es sich bei der Cancel Cuture keineswegs  nur um ein vorübergehendes Zeitgeistphänomen handelt, sondern dass hierbei eine zersetzende, dunkle Potenz am Werk sei, welche letztlich unsere gesamte Menschlichkeit auslöschen würde, wenn wir uns nicht gegen sie aufrichten. Aus dem erläuternden Text:

„Dunkelheit schwebt über uns. Man kann sie fühlen, aber man kann sie nicht sehen. Sie spüren sie in Ihrem Büro, in Ihrem Klassenzimmer, in Ihrem Social Media Feed. Sie spüren sie sogar in Ihrem Körper, der vor Angst erschaudert bei dem Gedanken, das auszusprechen, was Sie für wahr halten. Ein Gott ist herbeigerufen worden: Der Cancelgott.
[…]

Viele Menschen machten sich über Cancel Culture lustig. Manche ignorierten sie. Andere machten sie sich zunutze und wurden in selbsternannten dunklen Ecken des Internets zu Kulturkriegsprofiteuren und verdienten damit Millionen. Aber das ist weder die vollständige Erklärung noch der interessante Teil an dieser Sache. Die Geschichte, die es hier zu erzählen gilt, handelt von dem, was mit den Gesängen der Diffamierung herbeigerufen wurde. Denn das, was herbeigerufen wurde, kommt nun zu uns.

Mit richtiggehend religiösem Eifer sangen und sangen und sangen diejenigen, die von Kräften außerhalb ihrer Kontrolle besessen waren, ihre Diffamierungsgesänge. Sie fühlten den tiefen Wunsch, diejenigen auszulöschen, von denen sie meinten, sie wären im Unrecht. Oberflächlich betrachtet schienen sie Recht zu haben, aber die geschaffene Dunkelheit entfaltete sich, und ein entsprechender Gott wurde dadurch in die Geburt gebracht. Ein Gott, der nicht nur das angeblich Problematische auslöschen möchte, sondern der die Menschheit selbst auslöschen will. Möge Gott uns helfen, denn der Cancelgott ist nun herbeigerufen worden.“

(Übersetzung, Originalquelle: „The Cancel God“, L. Arsov & P.Limberg)

Der Gefahr, durch Rufmord und Diffamierungskampagnen ausgelöscht bzw. ins Abseits gedrängt zu werden, unterliegen heute de facto alle Persönlichkeiten im wissenschaftlichen, kulturellen, politischen und publizistischen Bereich, die mit ihren Gedanken über den Rahmen der herrschenden Meinung hinausgehen. In einer durch Krisen gezeichneten und vielfach als aus weglos erlebten Zeit wären es jedoch geradewegs solch unkonventionelle Gedanken, die wieder eine hoffnungsvolle und menschengerechte Perspektive eröffnen könnten. Insbesondere spirituell orientierte Gedanken und Persönlichkeiten werden heute systematisch diffamiert und verächtlich gemacht (siehe >> Katharerkriege 2.0).

„Nützliche Idioten“ als Adepten des Cancelgotts

Doch das Diffamierungswerk wäre nicht möglich ohne ausführende Organe. Die vorgenannten Künstler nennen diejenigen, die sich dem Cancelgott aktiv als Werkzeuge darbieten, um sein nihilistisches Werk der Auslöschung zu vollziehen, „Adepten“:

„Dem Cancelgott ist Deine Politik, Philosophie oder Religion egal. Aber es ist ihm nicht egal, ob Du ihm hilfst, sein Ziel zu erreichen. Das kann auf zwei Arten geschehen: Du kannst ihm aus Hass dienen oder dich ihm aus Angst unterwerfen.

Diejenigen, die ihm aus Hass dienen, die Adepten der Annullierung, sind Missionare der Kultur der Auslöschung. Diese Personen sind Gefäße der politisch korrekten Empörung und haben dadurch ihre Handlungsfähigkeit geschwächt. Während sie sich zu wichtigen Fragen der sozialen Gerechtigkeit äußern, sind sie süchtig nach einer pervertierten Moral, einer Moral, die billige Höhen der moralisierenden Überlegenheit bietet.

Der Cancelgott sieht die Adepten als „nützliche Idioten“ für seine unheilige Kampagne. Ohne ihr Wissen befinden sie sich in einem Kult, der einem Gott dient, der die Existenz für alle beenden will. Die Adepten sind vom Cancelgott besessen und sind sich ihrer Besetzung nicht bewusst.“

Andere Menschen beteiligten sich zwar nicht an den Kampagnen der „Adepten“, aber unterstützten diese auf passive Weise, indem sie zu den Diffamierungen ihrer Mitmenschen schweigen:

„Die andere Gruppe besteht aus denen, die sich aus Angst unterwerfen. Diese Personen sind nicht durch Hass motiviert und haben vielleicht sogar ihre Zweifel und Bedenken gegenüber der Kultur der Auslöschung. Sie wissen, dass ihr Schweigen von den Adepten als Gewalt anerkannt wird, und um ihren Job und ihren Status zu behalten, knien sie öffentlich nieder, um die Adepten zu besänftigen.

Das gefällt dem Cancelgott sehr gut. Er braucht nur eine unnachgiebige Minderheit von Adepten, um Angst zu verbreiten, aber er braucht den Rest von uns, um sich dieser Angst zu unterwerfen. Er will, dass wir uns alle fügen, denn so kann der Cancelgott sein nihilistisches Ziel erreichen. Wenn Du dich nicht unterwirfst, werden seine Adepten dich finden und auslöschen.“

Beschreibung: https://static.highexistence.com/wp-content/uploads/2020/07/Followers-709x810.jpg
Adepten des Cancelgotts (Quelle: Youtube/wie oben)

Um zu verhindern, dass sich diese Dynamik zu einem schwarzen Loch auswächst, das uns alle verschlingt, setzen die Autoren ihre Hoffnung auf das helle Licht des Bewusstseins. Wenn wir es in der rechten Weise aktivieren, muss sich der Cancelgott auflösen:

„Den Cancelgott aufheben

Der Cancelgott ist auf der Jagd nach Ihnen. Er kann Ihre Angst riechen, und er wird die Adepten anleiten, Sie zu holen. Wenn Sie entdeckt werden, wird man Ihnen sagen, dass Sie Ihr Knie beugen und sich unterwerfen sollen. Wenn Sie sich weigern, werden Sie ausgelöscht, und Ihr Ruf, Ihre Beziehungen und Ihr Lebensunterhalt wird bedroht.

Gibt es neben der Unterwerfung oder Auslöschung noch eine andere Möglichkeit? Wenn es eine andere Wahl gibt, können wir das nicht allein herausfinden. Unabhängig davon, wie unsere politischen oder philosophischen Bündnisse aussehen, erfordert die Lösung dieses Problems eine kollektive Antwort. Der Gott der Auslöschung will, dass wir alle auf dem Weg zur Auslöschung leiden, und er will nicht, dass wir uns seiner Existenz bewusst sind, denn das Bewusstsein ist das, was uns eine Chance gibt, ihn zu besiegen.

Jetzt, da wir uns dessen bewusst sind, sollten wir gemeinsam über eine Frage nachdenken, solange wir noch Zeit haben: Wie können wir den Cancelgott aufheben, bevor er uns alle aufhebt?“

Das Ende der Cancel Culture: Dem Damoklesschwert des „Shitstorms“ die Schneide nehmen

Selbst für wenig sensible Menschen ist die derzeitige Angespanntheit der Atmosphäre kaum übersehbar. Eine gewisse Angst vor unsichtbarer Aggression legt sich wie ein Schleier über unsere Gesellschaft. Dieser diffuse Schleier der Angst macht viele Menschen geneigt, medial vermittelten Meinungen zu folgen, die sie in ihrem Inneren eigentlich als unwahr oder zumindest als unlogisch erleben.

In einer Zeit, in der wir frischen Mut und unkonventionelle Gedanken bräuchten, um uns aus den verkrusteten Strukturen und Sackgassen eines neoliberal-profitorientierten Systems wieder heraus zu manövrieren und den Herausforderungen der Gegenwart eine Wende zu geben, möchte uns eine suggestive Form der Angst dazu motivieren, uns zu ducken und falschen Gehorsam zu leisten. Diejenigen Gedanken, die uns aus der gegenwärtigen Krise herausführen könnten, drohen im Keim erstickt zu werden.

Doch wie einleitend erwähnt, gibt es inmitten des gegenwärtigen Treibens auch eine erfreuliche Entwicklung: Inzwischen ist das anonyme Sabotieren und Diffamieren auch für bislang „unverdächtige“ Personen in Wissenschaft, Kultur und Kunst zu einem Problem von solchem Ausmaß geworden, dass sich nun über 100 namhafte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sowie ca. 16.000 Mitunterzeichner dem „Appell für freie Debattenräume“ angeschlossen haben. Diese Initiative zur Beendigung bzw. Ächtung des gegenwärtigen Ungeistes der Denunziation zieht bereits Kreise und erfährt weitreichende Zustimmung. Man kann diesen Appell auch als Zivilbürger bzw. „Nicht-Promi“ mitunterzeichnen und ihn damit unterstützen (zur Unterschriftenliste: https://idw-europe.org/#form )

In einem lesenswerten Interview  ( >>„Jeder kann von der Cancel Culture betroffen sein“) schildert der ehem. NZZ-Journalist und Mitinitiator des Appells, Milosz Matuschek, das Problem der „Cancel Culture“ wie folgt:

„Der Begriff beschreibt eine Form von kollektiver Zensur von Gruppierungen, also von einer Minderheit von Aktivisten gegenüber bestimmten Personen wie Künstlern, Kabarettisten, Schriftstellern, Intellektuellen. Dabei geht es häufig darum, missliebige Personen durch Druck auf die Veranstalter auszuladen, oder aber einen Abbruch der Veranstaltung zu provozieren. Das große Problem dabei ist, dass es sich hier eben nicht mehr um legitime Kritik an Personen handelt, sondern letztlich um eine Verengung des Debattenraums und um eine Vergiftung des Meinungsklimas, was insgesamt eine Verarmung des kulturellen Lebens zur Folge hat. Denn die Cancel Culture trifft nicht nur die stigmatisierten Künstler selbst, sondern eben auch das Publikum, wenn es nicht mehr möglich gemacht wird, sich aus einer freien Quelle zu informieren bzw. eine Veranstaltung zu erleben.“

Auszug aus dem Appell:
(Volltext siehe https://nisocele.myhostpoint.ch/appell/  )

„Appell: Befreien wir das freie Denken aus dem Würgegriff

Lautstarke Minderheiten von Aktivisten legen immer häufiger fest, was wie gesagt oder überhaupt zum Thema werden darf. Was an Universitäten und Bildungsanstalten begann, ist in Kunst und Kultur, bei Kabarettisten und Leitartiklern angekommen. […] Die Grenze des Erträglichen ist längst überschritten. Inzwischen sind die demokratischen Prozesse selbst bedroht. Der freie Zugang zum öffentlichen Debattenraum ist die Wesensgrundlage eines jeden künstlerischen, wissenschaftlichen oder journalistischen Schaffens sowie die Basis für die Urteilskraft eines jeden Bürgers. Ohne freie Debatten und freie Rede gibt es keine funktionierende Demokratie. Wie wollen wir in Zukunft Sachfragen von öffentlichem Interesse behandeln? Betreut und eingehegt – oder frei?

Absagen, löschen, zensieren: seit einigen Jahren macht sich ein Ungeist breit, der das freie Denken und Sprechen in den Würgegriff nimmt und die Grundlage des freien Austauschs von Ideen und Argumenten untergräbt. Der Meinungskorridor wird verengt, Informationsinseln versinken, Personen des öffentlichen und kulturellen Lebens werden stummgeschaltet und stigmatisiert.
[…]
Die gezielte Verunglimpfung von Intellektuellen, Künstlern, Autoren und jedem, der von der aktuell herrschenden öffentlichen Meinung abweicht, ist eine inakzeptable Anmaßung. Freie Rede und Informationsgewinnung sowie freie wissenschaftliche oder künstlerische Betätigung sind Rechte und nicht Privilegien, die von dominierenden Gesinnungsgemeinschaften an Gesinnungsgleiche verliehen und missliebigen Personen entzogen werden können. Es ist dabei unerheblich, auf welcher politischen Seite die Gruppierung steht, ob sie religiös, weltanschaulich oder moralisch motiviert ist – ein Angriff auf die Demokratie bleibt ein Angriff auf die Demokratie.
[…]
Doch das Problem ist grösser. Wir brauchen eine generelle Ent-Politisierung und Ent-Ideologisierung der öffentlichen Debatte. Sonst öffnen wir der Willkür des Zeitgeistes Tür und Tor. Politische Sprache ist ein Machtinstrument. Sie ist, wie schon George Orwell wusste, dazu geschaffen, „Lügen wahrhaftig und Mord respektabel klingen zu lassen und dem bloßen Wind einen Anschein von Festigkeit zu verleihen.“ Besinnen wir uns stattdessen auf die Standards und die bewährten methodischen Werkzeuge des demokratischen Prozesses. Fördern wir, was der Wahrheitssuche und dem Erkenntnisinteresse dient und das Wissen aller vermehrt.

Gerade in unübersichtlichen Zeiten braucht es nicht weniger, sondern mehr unkonventionelles Denken.
[…]
Demokratie wird unter Schmerzen der Beteiligten geboren. Sie stirbt durch Monotonie und Konformismus oder wenn der Mut, eine unkonventionelle Ansicht zu vertreten, eine Art Berufsverbot zur Folge haben kann – und die Öffentlichkeit dazu schweigt.
[…]
Seien wir generell skeptisch gegenüber Reinheitsfanatikern, die uns vor gefährlichen Ideen und Meinungen bewahren wollen. Stärken wir das Vertrauen in das intellektuelle Immunsystem unserer Gesellschaft – wir schwächen es, wenn wir es abschotten und quasi vor „Erregern“ unkonventioneller Ideen bewahren wollen. Werden wir immun gegenüber Herdenmentalität und Konformismus: Beide führen letztlich in die Unfreiheit, gleich unter welchem Etikett.

Entziehen wir dem öffentlichen Debattenraum die Angst und bringen wir den Mut zurück! Entgiften wir das Meinungsklima und schaffen wir ein Klima der anregenden, redlich geführten Auseinandersetzung, sowie von kultureller Vielfalt, intellektueller Neugier, Gedankenfrische und Spass am geistigen Schaffen.

Wir fordern sämtliche Veranstalter, Multiplikatoren oder Plattformbetreiber auf, dem Druck auf sie standzuhalten und nicht die Lautstarken darüber entscheiden zu lassen, ob eine Veranstaltung stattfindet oder nicht.“

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer – „Reset Everything“

„Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ (Francisco de Goya – public domain-wikimedia)

Dahingesunken

Die Allegorie aus Goyas Bild scheint sich heute in bedrückender Weise zu manifestieren: Der Mensch ist wie dahingesunken, die ihn umgebende Atmosphäre wird indes dominiert von schattenhaften Gestalten, die einen gespenstischen Reigen veranstalten.

Goya wählte für seine „Ungeheuer“ Fledermaus-, Nachteulen- und katzenartige Gestalten. Man könnte sich die Frage stellen: Was wollen diese Gestalten? Warum umschwirren sie den Menschen? Und: Was würde passieren, wenn der am Schreibtisch sitzende Mensch weiterschläft?

Wer sich in Details der Zeichnung vertieft, kann sehen, dass dem dahingesunkenen Menschen seine Schreibgeräte entglitten sind und verstreut am Tisch liegen. Ein hinter seinem Rücken kauerndes Ungeheuer hat eines dieser Schreibgeräte bereits mit seinen Krallen ergriffen. Es will offensichtlich weiterschreiben.

In der Tat könnte man meinen, dass der politisch-mediale Plot, den wir derzeit erleben, bereits von Ungeheuern geschrieben wird.  Kaum ein Tag vergeht, an dem im weltpolitischen Geschehen nicht neue Eskalationsstufen beschritten werden und sich ein Mensch, der sich noch nicht dem „betreuten Denken“ anheim gegeben hat, fragen muss: „Das gibt’s doch gar nicht. Das können die doch nicht ernst meinen?“ Doch wie es aussieht, meinen „die“ es ernst. Todernst sogar.

Reset Everything

Der „Great Reset“, wie ihn die Architekten der „Neuen Normalität“ nennen, rückt näher. Siehe dazu einen Bericht von Hermann Ploppa über die synthetische Technowelt, wie sie uns etwa vom World Economic Forum als Neue Normalität schmackhaft wird. Dieser Thinktank-Verband der 1000 größten Globalkonzerne präsentiert sich nicht nur in medienwirksamen Events wie in Davos der Öffentlichkeit, sondern arbeitet im Schatten der Coronakrise über ein weitverzweigtes Lobbynetzwerk ohne Unterlass an der „digitalen Transformation“ unserer gewohnten Welt. Um die  Schienen in die Zukunft zu legen, wird auch auf die Rekrutierung  junger Talente besonderer Wert gelegt:

„Bereits im April trafen sich im Internet nachwachsende Talente der schönen neuen Technowelt unter dem Motto „Reset Everything“, euphorisierte Jünger der neuen künstlichen Plastikwelt. Es ging um 5G, Transhumanismus, Künstliche Intelligenz, Kryptowährung, Impfungen neuen Typs oder um Lebensverlängerung …“

(Hermann Ploppa: “The Great Reset – Corona als Schrittmacher der 4. Industriellen Revolution“)

Die letztlich auch in den biotechnologischen Umbau des Menschen mündende digitale Transformation hat auch Peter Frey in einem schon etwas älteren, aber immer noch grundlegenden Essay „Die Globalisierung und der Transhumanismus“ beschrieben.  Siehe auch Norbert Häring: „Der Griff Großkonzerne nach der Weltherrschaft”.

Unser Schicksal ist nicht in Stein gemeißelt

Doch all die menschheits- und umweltbedrohlichen Szenarien, die derzeit am Horizont sichtbar werden, sind kein unausweichliches Schicksal. Sie sollten nicht darüber hinwegtäuschen,  dass es letztlich der Mensch selbst ist, der all diese Dinge erschafft – oder auch eine alternative, menschenwürdige Realität.

Denn setzt man nur bei den Auswüchsen und Abgründen an, die uns derzeit bedrohen, dann verkennt man leicht die ursächliche Dimension, die all diese Zustände erst herbeigeführt hat.

Welche Zukunft für uns und unsere Kinder demnächst Alltagsrealität wird, wird auch insbesondere davon abhängen, als was wir den Menschen ansehen: Als bloßen Biocomputer oder als vielschichtiges Wesen mit Geist, Seele und Körper? Gesteht man dem Menschen eine geistige Ebene zu, dann wird er sich niemals mit einer Robotisierung und Überwachung abfinden. Umgekehrt muss eine Robotisierung und Überwachung fast zwangsläufig einsetzen, wenn man Mensch und Welt bloß mechanistisch zu erklären versucht. Denn dann wird das Streben von Wissenschaft und Technik bloß darauf gerichtet sein, diesen Biocomputer durch technische Maßnahmen zu „verbessern“ und effizienter zu machen. Der Begriff der Entwicklung würde hierbei ganz auf die physische Ebene verengt.

Begreift man Entwicklung jedoch primär als geistig-seelisches Prinzip und das Leben als „Pflanzschule des Geistes“, so wie es Goethe bezeichnet, dann entschärfen sich all die utopisch-technizistischen Pläne von selbst und weichen auf ein sinnvolles, dem Menschen dienendes Maß zurück.

Das größte Defizit – und größte Potential – unserer Zeit

Obwohl es gerade ein geistiges Verständnis von Mensch und Welt wäre, das uns einen Ausweg aus dem heutigen Dilemma eröffnen würde, so ist es leider geradewegs der Begriff des Geistes, der uns abgesprochen wird und regelrecht verpönt ist. Obwohl das Interesse an einem geistig-sinnerfassenden Leben heute durchaus bei vielen Menschen vorhanden wäre, ist der Begriff des Geistes durch eine tragische kirchengeschichtliche Inanspruchnahme nahezu vollständig verschüttet. Auch eine wenig ernsthafte Esoterik-Szene hat in nicht minderem Maße dazu beigetragen, dass der Weg einer geistigen Vertiefung heute wie versperrt erscheint.

Doch was ist geistige Vertiefung überhaupt? Im elementarsten Sinne könnte man diesen abstrakten Begriff auch schlicht als Entwicklung verstehen – Entwicklung von Interesse und Empathie, eigenständiger Anschauungsbildung, ersten individuellen Idealen und Tugenden sowie einer fortschreitenden Vertiefung in die Zusammenhänge des Menschenwesens mit seiner Lebensumwelt und den vielfältigen – auch seelisch-geistigen – Daseinsebenen.

Wer diese Entwicklung auch nur in ersten Ansätzen aufgreift, z.B. anhand hochwertiger philosophischer Literatur, der wird merken, dass er als Mensch das Gegenteil von denjenigen fledermausartigen, nebulosen Gestalten freisetzt, wie sie in Goyas obigem Bild des schlafenden Menschen ersichtlich sind: Stattdessen klare, lichte, vernunftorientierte Wesen. Auch diese Wesen können der gesellschaftlichen Atmosphäre eine bestimmte Signatur und damit eine Wende ins Konstruktive geben. Der selbstaktive Mensch wird sich auch den Schreibstift nicht aus der Hand nehmen lassen, sondern sich aufrichten und das Leben selbst federführend gestalten.

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