„Unsere schlimmsten Befürchtungen sind eingetreten …“ – Über Stacheldraht im Kopf und die Besiegelung von 3600 kirchlichen Missbrauchsfällen an Minderjährigen

Untergang eines Monopols

Wer in der Kirche heute noch Geistlichkeit sucht, greift schon seit Längerem ins Leere. Dass man sich hierbei vom Etikett der Kirche nicht täuschen lassen dürfe, hat schon Joachim-Ernst Berendt zum Ausdruck gebracht. Seiner Ansicht nach sei es heute eher so, dass man „den Christus vor der Kirche retten“ müsse.

Immer mehr Menschen spüren, dass sie von der Kirche um einen wesentlichen Aspekt des Lebens betrogen werden und wenden sich von dieser Institution ab. Ein „annus horrabilis“ – ein furchtbares Jahr – sei das letzte Jahr gewesen, gab ein Kardinal der katholischen Kirche zu, als er auf die exponentiell steigende Anzahl an Kirchenaustritten angesprochen wurde. Gleichwohl wollen die Verwalter dieser Institution (siehe auch das nach über 20 Jahren des Verbots neuaufgelegte Buch „Herren und Knechte der Kirche“ von Prof. Mynarek) dem Verlust ihres bisherigen Glaubensmonopols nicht tatenlos zuzusehen und ergreifen entschiedene Gegenmaßnahmen.

Die hierbei angewandten Strategien, um die Emanzipation des individuell gewordenen Menschen zu stoppen, mögen mittelalterlich anmuten und in jeder Hinsicht gegen geltende Grundrechte verstoßen, sind aber dank der finanziellen Ressourcen und einer intensiven Verflechtung der Kirche mit medialen, staatlichen und justiziellen Einrichtungen insbesondere in Deutschland nicht minder wirkungsvoll. Da auch Politikern sowie etablierten Presse- und Rundfunkmedien zunehmend das Vertrauen der Bürger abhanden kommt, haben auch diese Institutionen bzw. die „Vierte Macht im Staate“ ein Interesse daran, dass etablierte Autoritäts- und Machtverhältnisse gewahrt bleiben und die Bürger nicht zu sehr zu ihrer Mündigkeit erwachen. In dieser unausgesprochenen, aber gleichwohl evidenten Intention treffen sich die Interessen von staatlichen, medialen und kirchlichen Institutionen – vgl. Erich Fromm, wonach die Kirche

„die Aufgabe hat, die psychische Selbständigkeit der Massen zu verhindern, sie intellektuell einzuschüchtern, sie in die gesellschaftlich notwendige infantile Gefügigkeit den Herrschenden gegenüber zu bringen“.

Unerträgliche Verfilzung und Show

Eine Verfilzung von Kirche, Medien und Justiz, wie sie insbesondere in Süddeutschland bzw. Bayern gegeben ist, sucht europaweit seinesgleichen. So haben sich in einer jüngsten Auskunft der bayerischen Generalstaatsanwaltschaften nach eineinhalb Jahren Ermittlungszeit nun auch die schlimmsten Befürchtungen erfüllt und wird in keinem einzigen der 3677 Fälle von sexuell missbrauchen Minderjährigen, welche die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) 2018 in einem Dossier aufarbeiten musste, Anklage erhoben. Fast alle Ermittlungen gegen straftatverdächtige Kirchenvertreter wurden mittlerweile eingestellt (Quelle: Focus, 19.01.2020), zumeist aufgrund formalrechtlicher Verjährung. „Das war alles nur Show – mehr nicht“, kommentierte der Kriminologe Christian Pfeiffer in einem dpa-Interview. Die Kirche habe eine transparente Aufarbeitung des Skandals von vornherein verhindert.

Ehrenwerte Herren auf Freigang (Es gilt die Unschuldsvermutung)

Obwohl es also längst an der Zeit wäre, dass eine Aufklärung und staatsanwaltliche Maßregelung der kriminellen und verfassungsfeindlichen Agitation der Kirche erfolgt, die weit über fortwährende Missbrauchsskandale hinausgeht und auch tief in grundrechtlich festgeschriebene Glaubens-, Meinungs- und Gewissensfreiheit der Bürger hineingreift (siehe H. Mynarek über „Die neue Inquisition“ >>Die Kirche und die systematische Zerstörung des Geistes), damit nicht nur gesellschaftspolitischen Stillstand, sondern sogar gefährliche Regression bewirkt, so findet Kirchenpolitik von staatlichen und medialen Institutionen weiterhin Duldung und Unterstützung.

Wer eine derartige Verfilzung von Staat, Medien und Kirche in heutiger aufgeklärter Zeit nicht für möglich hält, hat noch nie hinter die Kulissen dieser Einrichtungen geblickt. Einen solchen Einblick hinter die Kulissen gibt etwa der Kirchen-Insider Prof. Dr. Hubertus Mynarek in nachfolgendem Video-Interview. Mynarek weiß, wovon er spricht. Als ehemaliger Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und erster Theologie-Professor im deutschsprachigen Raum des 20. Jahrhunderts, der es wagte, aus der katholischen Kirche auszutreten, ist er selbst in die Mühlen des kirchlich-medialen-justiziellen Netzwerkes geraten, wie es speziell in Bayern aufgespannt ist.

Bericht aus dem Leviathan: Wo der Hammer hängt …

Das von NuoViso gefilmte Interview mit dem heute 91jährigen Ex-Dekan ist ein Zeitzeugnis der besonderen Art. In ihm erfährt man, dass die Kirche, die mit ihrem „Hexenhammer“ jahrhundertelang für Unterdrückung und Schrecken gesorgt hat, auch heute noch weiß, wo der Hammer hängt. Wenn es notwendig ist, wird dieser Hammer sogar bayerischen Ministerpräsidenten vors Auge gehalten. So wie dies ein Delegierter des Kardinals gegenüber Prof. Mynarek bekundet hat, als sich dieser einem von der Kirche angebotenen Bestechungsversuch verweigerte:

„Hier hat schon Franz-Josef Strauß gesessen. Der hat auch nicht an die Kirche geglaubt … – Aber an die Macht der Kirche hat er geglaubt!“

Angesichts eines derartigen Selbstverständnisses der Kirchenherren, das sich sogar auf höchste Politebenen erstreckt, braucht es dann auch nicht zu wundern, dass man ebenso dem kleinen Mann bzw. der kleinen Frau auf der Straße den rechten Weg weisen möchte. Denn wenn die Schafe einmal aus dem verstaubten Gatter ausgebrochen sind und frische Luft geatmet haben, dann werden sie womöglich nicht mehr zu ihren Schäfern zurückkehren. Es gilt daher, das Gatter abzusichern. Dabei wird der Stacheldraht allerdings nicht mehr im Äußeren gezogen, das würde der freiheitlich orientierte Bürger heute nicht akzeptieren. Wie der Kabarettist Volker Pispers feststellt, wird der Stacheldraht heute jedoch in unseren Köpfen gelegt – was nicht minder wirkungsvoll sein kann, solange wir den Sachverhalt nicht durchschauen (>>siehe „Katharerkriege 2.0″).

Das nachfolgende Video-Interview kann einem dazu die Augen öffnen. Der Publizist Fritz Erik Hoevels bezeichnet das im Interview behandelte, nach 28 Jahren neuaufgelegte Buch Mynareks als „Bericht aus dem Leviathan der genuinen und substanziellen Intoleranz“. Mynarek mahnt an, dass die Scheiterhaufen heute „noch nicht mehr“ brennen und wir bei Duldung und Fortführung des ungesehen, aber maßgeblich von der Kirche vergifteteten gesellschaftlichen Klimas der Intoleranz gegen Andersdenkende erneut in ein Desaster schlittern könnten.

[Warnung: Viele Seher haben berichtet, dass das Video ihr bisheriges Weltbild über eine trotz aller Vorkommnisse bislang doch als ehrwürdig erachtete Institution nachhaltig erschüttert hat und sie danach nie wieder ein Kirchengebäude betreten haben.]

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„Was keiner wagt …“ (Gedicht von Lothar Zenetti)

In einem jüngsten Artikel der nzz wird davor gewarnt, dass die 2020er Jahre eine „Zombie-Dekade“ werden könnten.

Um sich dieser drohenden Zombiefizierung in einem massenmedial geprägten Zeitalter zu entziehen, können uns die Worte von Lothar Zenetti ein helfender Ariadnefaden sein. In einem zeitlosen Gedicht fordert uns Zenetti dazu auf, herrschende Ansichten nicht gedankenlos zu übernehmen, sondern neue Wege zu gehen und sich mutig in einem individuellen Standpunkt zu gründen.

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen
Was keiner sagt, das sagt heraus
Was keiner denkt, das wagt zu denken
Was keiner anfängt, das führt aus.

Wenn keiner ja sagt, sollt ihr’s sagen
Wenn keiner nein sagt, sagt doch nein
Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben
Wenn alle mittun, steht allein.

Wo alle loben, habt Bedenken
Wo alle spotten, spottet nicht
Wo alle geizen, wagt zu schenken
Wo alles dunkel ist, macht Licht.

(Text: Lothar Zenetti)

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Sonnenläufer in Platons Schattenhöhle

Die Wetterprognose ist leider wenig erfreulich: Es wird nass und kalt werden …

Wohl kaum ein anderes Bild aus der klassischen Philosophie spiegelt die Situation des heutigen Menschen derart anschaulich wider wie Platons Höhlengleichnis. Die hierbei skizzierte Situation hat sich heute sogar noch zur Potenz gesteigert, dank den Möglichkeiten einer mittlerweile perfektionierten Werbe- und Entertainmentindustrie jedoch auf raffinierte Weise kompensiert: Wir sitzen sinnbildlich in einer schwach beleuchteten, unterirdischen Behausung und wohnen einem Schattenspiel bei. Durch angeblich „alternativlose“ Sachzwänge an einen Stuhl gefesselt, können wir unseren Kopf nicht wenden, sondern lediglich in eine bestimmte Richtung blicken – auf eine Wand, an welche allerlei Schattengebilde projiziert werden. Die Lichtquelle, aufgrund derer die Schattengebilde überhaupt erst entstehen, befindet sich hinter uns, weit außerhalb des gewohnten Blickfeldes, auf das wir von Kindheit an konditioniert wurden.

Solange das „Programm“, das wir an der Wand zu sehen bekommen, unterhaltsam und der Sitz auf unserem Stuhl einigermaßen bequem ist, kommen wir auch nicht ohne Weiteres auf die Idee, an dieser Szenerie etwas zu ändern.

Neuerdings hat jedoch eine dramatische Entwicklung eingesetzt: Es beginnt nass und kalt zu werden. Regen dringt in die bislang komfortable Höhle ein und führt dazu, dass unsere Füße unter Wasser stehen. Viele von uns beginnen unruhig zu werden, denn der Wasserpegel steigt permanent weiter an und es ist bereits absehbar, dass womöglich bald die gesamte Höhle unter Wasser stehen wird. Für diejenigen, die dann immer noch auf ihren Stühlen verharren, bestehen also keine besonders rosigen Zukunftsaussichten.

Mit nassen Füßen in Platons Schattenhöhle Wie aus dieser prekären Situation entkommen?

Um uns aus der Situation, in der die meisten von uns bisher ‚gut und gerne‘ gelebt haben, die aber zunehmend verhängnisvoll wird, zu befreien, bedarf es zunächst einmal des Ablegens der Bande, die uns am Stuhl halten wollen. Eine zunehmende Anzahl an Menschen hat auch bereits damit begonnen, diese Bande abzulegen, indem sie der Berichterstattung bislang akzeptierter Autoritäten aus Politik und Medien nicht mehr traut und stattdessen in alternativen Medien nach einer Erklärung der aktuellen Geschehnisse sucht.

Und in der Tat gab es in den letzten Jahren vielerlei bemerkenswerte und scharfsinnige Analysen, welche den Niedergang auf politischer, ökonomischer, ökologischer, finanzmarkttechnischer, medialer und sozialer Ebene beschreiben und welche die Funktionsweise massenmedialer Manipulations- und Herrschaftstechniken beleuchten (siehe z.B. Prof. Rainer Mausfeld: „Wie die Lämmer zum Schweigen gebracht werden“). Dennoch ist unübersehbar, dass es weiter rapide bergab geht.

Inmitten zunehmender Verunsicherung und existenzieller Ängste wird unter den auf ihren Stühlen sitzenden (Hitech-)Höhlenbewohnern der Schrei nach einer „vernünftigen“ Politik und nach Garantien zur Sicherung des Wohlstands laut. Und unsere Politiker samt ihren Beratergremien und wissenschaftlichen Experten sind auch fortwährend damit beschäftigt, eine Vielzahl neuer Maßnahmen und Konzepte auszuarbeiten, die in einer aus den Fugen geratenden Welt wieder für Stabilität, Wirtschaftswachstum und Fortschritt sorgen sollen. Allerdings stellen sich die zunächst fortschrittlich anmutenden Konzepte meist sehr schnell als Sackgasse heraus, die nicht nur zum Status Quo zurückführt, sondern sogar in noch tiefere Abhängigkeiten und Ausweglosigkeit. Indes steigt der Wasserpegel weiter an. Denjenigen Höhlenbewohnern, die auf etwas tieferer Ebene sitzen, reicht er schon bis zum Hals. Auch diejenigen, die den Vorzug besaßen, auf etwas erhöhter Position zu sitzen und bislang noch leicht Lachen hatten, bekommen nun kalte Füße.

Wegweiser

Doch auch diejenigen, die sich bereits von ihren Fesseln befreit haben, von den Stühlen aufgestanden sind und sich umgedreht haben, irren nun wie orientierungslos durch den Raum und finden keinen Ausgang. Sie sind jetzt mit demjenigen Problem konfrontiert, das auch Platon in seinem Gleichnis schildert: Nachdem ihre Augen über lange Zeit auf eine schattenhafte Kulisse geblickt haben und nur mit der Logik der „Wissenschaft von den Schatten“ [Link / Artikel in Arbeit] vertraut gemacht wurden, sind ihre Augen nun, da sie sie sich endlich in diejenige Richtung umwenden, aus der die Sonne in die Höhle dringt, schmerzhaft vom Licht geblendet und verwirrt.

In dieser Situation der Blendung und Verwirrung fehlt es an notwendigen Mitteln zur Orientierung. Ohne Kompass, Karte und Wegweiser, die einem andeuten, in welcher Richtung sich der Weg nach oben befindet, ist man natürlich leicht geneigt, sich zu verlaufen oder einem der zahlreichen Irrlichter zu folgen, die nun ebenfalls die Aufmerksamkeit an sich ziehen möchten.

Gerade was diese „Wegweiser“ angeht, macht uns Platon in seinem Werk auf etwas aufmerksam, was uns in den Schulbüchern des Geschichtsunterrichts verschwiegen wird: Dass es zu allen Zeiten Menschen gegeben hat, die den Weg aus der Gebundenheit in einem illusionären Schattenspiel hinauf zum Sonnenlicht geistiger Erkenntnis in pionierhafter Weise bereits beschritten haben und danach fähig waren, ihren Mitmenschen von den ganz anders gearteten Gesetzmäßigkeiten zu berichten, welche außerhalb der Schattenhöhle auf der Ebene des Sonnenlichtes herrschen.

Sol Invictus / Heliodromus (3./4. Jhdt. n. Chr., Public Domain/wikimedia)

Sonnenläufer oder „Sonnenhelden“ (lat. heliodromus) nannte man solche Personen in alten Schriften und Überlieferungen. Das mag für heutige Begriffe pathetisch und anmaßend klingen, ist aber bei näherer Betrachtung eine nicht unpassende Terminologie für diejenigen Individualitäten, die es geschafft hatten, sich aus der mit der menschlichen Freiheit notwendigerweise einhergehenden Tendenz des Chaos und des Abreißens aller naturgegebenen bzw. kosmischen Rhythmik, wie sie den Umlaufbahnen der Gestirne zu eigen ist, zu befreien und welche die Kraft erlangt haben, den Rhythmus ihres Lebenslaufes gleich den regelmäßigen Umlaufbahnen der Gestirne um ein inneres, sonnenhaftes Zentrum darzuleben – nun allerdings nicht mehr unter Determination, sondern aus freiem Willen und auf kreativ- individualisierte Weise zum Wohle ihrer Mitmenschen und der gesamten Welt (siehe auch Platons Idee des „Guten“ als Ursprung aller Tugenden im Sonnengleichnis).

Jeder Mensch ein Sonnenläufer

Der Sonnenläufer bzw. „Sonnenheld“ ist also nicht bloß eine historische mythologische Figur, sondern ein allgemein-menschliches Entwicklungsideal, das gerade in unserer Zeit von höchster Aktualität ist und an das wir uns graduell annähern können, indem wir zu „Philosophen“ werden (nach wörtlicher Übersetzung: zu „nach Weisheit strebenden“ bzw. Weisheit-liebenden Menschen; von griech. philos=Freund und sophos/sophia=Weisheit). Es ist also nicht bloß besonders genialen oder begnadeten Menschen vorbehalten, ein Sonnenläufer bzw. ein Sonnenheld zu werden. Jeder von uns hat das Potential dazu. Einen solchen Sonnenhelden in sich zu gebären, ist auch das Sinnbild des Weihnachtsfestes, das in alten Kulturen schon vor der christlichen Zeitrechnung gefeiert wurde.  

Pythagoras etwa war ein solcher Sonnenheld. Was wir in den Schulbüchern über ihn erfahren, ist jedoch in der Regel nicht mehr, als dass er Mathematiker war und wir ihm den Satz der Winkellehre a2+b2=c2 zu verdanken haben. Den wenigsten ist wohl bekannt, dass der Satz des Pythagoras in Wirklichkeit nur ein vergleichsweise unbedeutendes Nebenprodukt eines Universalgelehrten war, der seinerzeit fast die gesamte Welt bereist hat, um Weistümer über den Zusammenhang von Mensch und Kosmos zu sammeln, in welche er in ägyptischen, babylonischen, arabischen und indischen Mysterienschulen eingeweiht wurde und welche er in einer eigenen Schule an zahlreiche Schüler weitergab. Laut Heraklit war Pythagoras derjenige Mensch, der das allermeiste Wissen über die verborgenen Zusammenhänge des Daseins gesammelt habe. Heute sind nur noch Fragmente dieses Wissens erhalten, der größte Teil wurde vernichtet. Ein wütender Mob des Volkes, aufgestachelt durch systematische Hetzkampagnen seines adeligen Gegners Kylon, stürmte die Behausung der Pythagoreer und lynchte den Weisheitslehrer. Auch seine in Süditalien und Sizilien ansässigen Schüler wurden systematisch verfolgt und umgebracht.

Pythagoras ereilte damit dasjenige Schicksal, das auch Platon in seinem Höhlengleichnis  als Gefahr für alle diejenigen schildert, die den Höhenweg zu den sonnenhaften Urbildern gegangen sind und nun ihren in der Höhle gefangenen Mitmenschen von den geistigen Realitätsebenen berichten wollen. Dazu Sokrates in Platons Dialog:

 „Und wenn er sich unterstände, sie zu entfesseln und hinauszuführen, – würden sie ihn nicht ermorden, wenn sie ihn in die Hände bekommen und ermorden könnten?“
„Ja, gewiss“, antwortete er.

Kompasse, Karten und Wegweiser werden auf diese Weise vernichtet und stehen der Menschheit nicht mehr, oder zumindest nicht mehr im notwendigen Maße, zur Verfügung.

Die Landschaft hat sich verändert

Mit derartigen Kompassen, Karten und Wegweisern – sprich den Erkenntnissen der wirklichen Philosophen und Geistesforscher – verhält es sich allerdings ähnlich wie mit der Topographie einer Landschaft samt darin eingezeichneter Wander- und Verkehrswege sowie Flüssen: Diese Topographie bleibt nicht gleich, sondern ändert sich fortwährend. Jeder, der schon einmal mit einer alten Wanderkarte im Rucksack im Dickicht gelandet ist und jeder, der in Zeiten, als es noch kein Navi gab, mit seinem Auto nach einer zwar auf der alten Karte eingezeichneten, aber bereits umgebauten Straße gesucht hat, weiß davon ein Lied zu singen. Schon zu Lebzeiten können wir gravierende Veränderungen der uns umgebenden Topographie erleben.

Noch viel fundamentaler sind die über längere Zeiträume von Jahrhunderten und Jahrtausenden zustande kommenden Umwälzungen. Sogar die Erdachse und der geographische Nordpol bleiben nicht an derselben Stelle, sondern verschieben sich. Ähnliche Veränderungen betreffen auch die Konstitution des Menschen und seine psychische Verfasstheit. Es ist daher nicht ohne Weiteres möglich, auf alte Landkarten zurückzugreifen und Wege zu beschreiten, die zwar in früheren Kulturepochen real gültig waren, aber heute nicht mehr gangbar oder zumindest für die postmodernen Fahrzeuge, in denen wir uns heute fortzubewegen pflegen, nicht mehr angemessen sind.

So fühlen sich heute nicht wenige Menschen, die des Materialismus überdrüssig sind, von altindischem Yoga, der Spiritualität der Indianer oder dem Mystizismus des Mittelalters angezogen, machen dann jedoch die Erfahrung, dass sich derartige Wege, obwohl sie durchaus tiefgründige Wahrheiten enthalten, nur schwer in die heutige Zeit und ins Sozialleben integrieren lassen. Eine zunehmende Kluft zwischen Ideal und Alltagspraxis baut sich auf.

Aufgrund der mitunter drastisch veränderten Bedingungen braucht es daher für jede Zeit neu geeichte bzw. in authentischer Weise erarbeitete Kompasse, Karten und Wegweiser. Derartige Kompasse, Karten und Wegweiser, die den heutigen Zeitbedingungen und ihren Notwendigkeiten angemessen sind, darzustellen, ist das Anliegen dieser Website.

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