Tod eines Vatikan-Insiders, der zuviel wusste („Der Kurienkardinal und sein Kaplan“)

Foto: Vatikan, Creative Commons

Vorwort der Websitebetreiber:

In einem umfangreichen Schriftwerk hat Prof. Dr. theol. habil. Hubertus Mynarek bereits den Schleier der vermeintlich ehrenwerten Institution gelüftet und einen ernüchternden Blick auf den Status Quo eröffnet: einer von Machtstreben, institutioneller Korruption und Pragmatismus geprägten Organisation, die realiter mittlerweile das regelrechte Gegenteil von dem darstellt, was ihr gutgläubige Menschen gemeinhin zuschreiben. Als ehemaliger Dekan der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien ist Mynarek selbst Insider der Kirchenhierarchie, mit deren ranghöchsten Vertretern er auf Augenhöhe Umgang gepflegt hat und daher authentisches Zeugnis über deren Gedankenwelt abgeben kann. Wer gedacht hat, dass es in dieser Gedankenwelt um Wahrheit oder lebendigen Glauben geht, wird hierbei radikal desillusioniert. Vielmehr entpuppt sich die Riege der Kirchenfürsten überwiegend als „gleichgültige Agnostiker oder praktische Atheisten“, die sich neben der Bewahrung herrschender Dogmen vor allem den eigenen Karriereambitionen verpflichtet fühlen.

Ihren Herrschaftsanspruch leitet die Kirche hierbei aus einer zwiespältigen Interpretation der historischen Jesusfigur ab: Einerseits wird das – der historischen Überlieferung widersprechende  – Bild eines weitab allen Irdischen thronenden und moralisch unerreichbaren Asketen gezeichnet. Andererseits, wie insbesondere in der jüngeren evangelischen Exegese vermehrt zu finden, das Bild des „schlichten Mannes von Nazareth“, der de facto aller auf eine höhere individuelle Geistigkeit hinweisenden Attribute entkleidet und den Kirchgängern als Vorbild für devotes, vermeintlich gutmenschliches Verhalten präsentiert wird. In beiden Fällen werden die Gläubigen einer wirklichen Entwicklungsmöglichkeit an einem menschengerechten, d.h. sowohl geistig-seelischen als auch irdisch gültigen Ideal beraubt und in ihrem Bedürfnis nach Religiosität mit im Wesentlichen inhaltslosen Glaubensformeln und einem nihilistischen Christusbild abgespeist. Eine Entwicklung zu eigenständiger, authentischer und sozialfähiger Spiritualität bleibt ihnen auf diese Weise verwehrt.

Rudolf Steiner sieht in dieser Diskrepanz keine bloß zufällige Tragik, sondern nichts weniger als die „Mission des Papsttums“, die Menschen vor einer wirklichen Erkenntnis des christlichen Impulses abzuhalten. Damit betrüge die Kirche die Gläubigen geradewegs um das, was sie zu lehren vorgibt:

„Die Mission des Papsttums besteht in der katholischen Kirche überhaupt im Wesentlichen darinnen, Europa davon abzuhalten, zu erkennen, was eigentlich der Christus-Impuls ist. Mehr oder weniger bewusst handelt es sich darum, eine Kirche zu begründen, welche vollständigstes Verkennen des eigentlichen christlichen Impulses sich zur Aufgabe setzte, nicht unter die Leute kommen zu lassen, was der eigentliche Impuls des Christentums ist. Denn, wo immer versucht wird, irgendein Element in den Vordergrund zu stellen, das mehr an den christlichen Impuls heran will – sagen wir das Element des Franz von Assisi oder ähnliches –, da wird das zwar konsumiert, aber in die eigentliche Struktur der Kirchengewalt doch nicht aufgenommen.“ (GA 180, S. 322f)

Steiner weiter an anderer Stelle: „Denn die katholische Kirche hat das Ziel, die christliche Wahrheit sorgfältig zu vermeiden und die Macht der Kirche so groß als möglich zu machen. Sie werden sie nicht rühren dadurch, dass Sie immer christlicher und christlicher werden. Sie können sie nur versöhnen, wenn Sie einfach ein Mensch sind, auf den die katholische Kirche als auf einen zu Rom gehörigen Menschen schwören kann. Und nicht anders können Sie sie versöhnen (…) Das Schlimme liegt darin, dass ein großer Teil der Menschen noch nicht einsieht, dass es eben unmöglich ist, innerhalb der Bekenntnisse zu stehen und die Wahrheit zu sagen. Nicht wahr, man kann eine tragische Persönlichkeit werden innerhalb eines Bekenntnisses, aber man kann nicht ein Amt innerhalb eines Bekenntnisses haben und die Wahrheit sagen. Das ist gar nicht möglich heute, so dass also das Verhalten gegenüber der katholischen Kirche, ich möchte sagen, so bezeichnet werden kann: so lange wie möglich die Aspirationen der Kirche ignorieren und sich dann daran machen, die Verlogenheiten im Einzelnen aufzuzeigen. Dann wird man wenigstens einen Weg einschlagen, der durch die Tatsachen geboten wird.“ (GA 338)  

Diesen Weg, die Verlogenheit der Kirche aufzuzeigen, hat der Autor der nachfolgenden Zeilen in pionierhafter Weise beschritten. Es wird hierbei exemplarisch gezeigt, was geschieht, wenn bei einem Kleriker das Gewissen und der Drang nach Wahrheit gegenüber den obrigkeitlich verkündeten Dogmen erwacht: Er wird umgehend ausgegrenzt und zum Schweigen gebracht. Wenn er über die Interna der Kirche zuviel weiß und deren Machenschaften an die Öffentlichkeit bringen möchte, muss er nicht nur mit existenzieller Vernichtung, sondern auch mit „Beseitigung“ rechnen – so wie jener angehende  Priester und spätere Mitarbeiter im Vatikanischen Verwaltungsapparat, dem im nachfolgenden Dialog das Wort geliehen wird.

Anmerkung des Autors (Prof. Dr. theol. habil. Hubertus Mynarek):

Der nachfolgende Dialog fand in dieser textadäquaten, buchstabengetreuen Form nicht statt, ereignete sich jedoch in ganz ähnlicher Form zwischen jungen noch die Wahrheit suchenden  Priesterkandidaten bzw. schon geweihten Klerikern auf der einen Seite und Männern aus der kirchlichen Hierarchie (Bischöfen, Erzbischöfen, Kardinälen) auf der anderen Seite tausendfach überall, wo die Kirche überhaupt noch vorhanden ist.

Allerdings: Das in den zwei letzten Abschnitten des Artikels Ausgeführte stimmt genau, hat sich tatsächlich so ereignet, außer dass der Vorname des getöteten Priesters geändert wurde.

Folgende Ausführungen stellen auch ein Kapitel in meinem Buch, „Casanovas in schwarz , Zehn Schlüsselgeschichten über Priesteraffären“ (Verlag Die Blaue Eule, Essen) dar. Die Zwei Auflagen dieses Buches sind vergriffen. Es erscheint jedoch noch in diesem Jahr neu im NIBE Verlag, Würselen.

[Zur besseren Erfassung des Gesamtkontextes stellen wir dem nachfolgenden Dialog auch sogleich seine Konsequenz bzw. die Lebenshistorie der darin vorgestellten Proponenten voran – Diese Absätze bilden in der Originalausgabe den Abschluss des Kapitels:]

>> An dieser Stelle endet im Grunde das Gespräch zwischen dem Kardinal und seinem Assistenten. Denn in dessen Gehirnkasten hatten die Alarmglocken unüberhörbar geläutet, als der Kardinal vom Unschädlichmachen der Gegner seiner höheren Wahrheit gesprochen hatte. Da wurde es dem jungen Priester endgültig klar, dass auch die Altersweisheit dieses Kirchenfürsten ihn nicht daran hindern würde, gegen seinen Assistenten vorzugehen, wenn dieser sich weiterhin gegen die „höhere“ Wahrheit sperren sollte. Obwohl der junge Mann von der Tugend der Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit an sich sehr viel hielt, hatte er es doch mit der Angst zu tun bekommen. Deshalb beendete er das Gespräch mit dem jetzt auch müde und erschöpft wirkenden Kardinal mit einer Lüge, mit der Bemerkung nämlich, dass er dessen kirchliches Wahrheits- und Strategiekonzept sehr plausibel und überzeugend, ja als das einzig Richtige empfinde. Der Kardinal nahm es als bare Münze, weil er sich immer schon für einen Meister in der Kunst der Darstellung und Suggerierung schwieriger Sachverhalte gehalten hatte. Er prophezeite seinem Kaplan sogar eine große Kirchenkarriere in der Zukunft, da er doch nun diese erste schwere Hürde genommen habe und somit sozusagen zum inneren Kreis der Elitären in der Amtskirche gehöre, obwohl er doch noch gar kein Kirchenfürst sei. Aber das werde noch kommen, er, der Kardinal, werde ihn weiterempfehlen.

In Wirklichkeit war in dem jungen Priester eine ganze (Glaubens-)Welt zusammengebrochen, und er musste seine ganze Kraft aufbieten, um sich vor dem Kardinal so zu verstellen, dass der nicht erriet, was in ihm vorging. Er hatte den Eindruck, dass alle Ideale, die er bisher so hochgehalten hatte, durch die Rede des Kardinals beschmutzt und erniedrigt worden seien. Seine ganze geistige Grundhaltung war wie weggeschwemmt. Sogar die junge Nonne, seine Geliebte, mit der er sich ein paar Stunden nach dem Gespräch mit dem Kardinal wieder heimlich traf, bekam das beim Beischlaf zu spüren. „So fleischlich, so total körperlich und unpersönlich hast Du mir aber noch nie beigewohnt“, äußerte sie vorwurfsvoll. „Heute hast Du mich wirklich nur zum Abreagieren gebraucht. Was ist Dir denn über die Leber gelaufen?“ Eine Weile überlegte der Priester, ob er sie in sein Geheimnis einweihen sollte, dann legte er los und schilderte ihr rückhaltlos das Gespräch mit dem Kardinal.

Die kleine Nonne, in die unser Priester so verliebt war, war noch viel naiver und gutgläubiger als er. Sie hatte ja kein Theologiestudium wie er absolviert, ihr Glaube bewegte sich auf Katechismusniveau. „Also ich halte es für ganz unmöglich, dass alle Kirchenfürsten so denken wie unser Kardinal“, erklärte sie entschieden, nachdem der Priester seine Schilderung beendet hatte. „Vielleicht“, gab sie zu bedenken, „ist ja dieser Kardinal gar nicht so weise und gut, wie er uns bisher erschienen ist. Vielleicht ist er verbittert, enttäuscht über so Manches, das in seinem Leben schiefgelaufen ist. Z.B. über die Intrigen seiner Amtsbrüder, die ihm damals, als er einer der aussichtsreichsten Papstkandidaten war, so viele Steine in den Weg legten, dass er von sich aus, noch vor dem Eintritt in das Konklave, vor der Presse erklärte, er stehe auf keinen Fall für das höchste Amt in der Kirche zur Verfügung. So etwas wirkt sich doch auch auf die Lebensanschauungen eines Menschen aus.“

„Du hast recht“, urteilte jetzt auch der junge Priester, „es wäre ungerecht, aus einem einzigen Gespräch mit einem einzigen Kardinal zu weitreichende Schlüsse zu ziehen. Momentan ist zwar glaubensmäßig alles in mir wie erstorben, aber für ein endgültiges Urteil über diese ganze Geschichte ist es zu früh. Ich werde erst noch bei anderen Kirchenfürsten herumhorchen, wie sie die Sache sehen.“ Dazu sollte er sehr bald Gelegenheit bekommen, denn der Kardinal, dem er bisher zugeteilt war und mit dem er jenes tiefschürfende Gespräch geführt hatte, starb ein paar Wochen später, hatte aber Wort gehalten und seinen Assistenten einigen Kurienkardinälen wärmstens für eine Kirchenkarriere empfohlen.

So wurde Jakob nacheinander Mitarbeiter, Sekretär, Referent etc. in diversen Vatikanischen Sekretariaten, Kommissionen, Kongregationen und lernte auf diese Weise die Macht- und Herrschaftsmechanismen in der römischen Weltzentrale des Katholizismus immer intimer kennen. Er kam mit vielen hohen kirchlichen Würdenträgern in und außerhalb der Kurie in Kontakt und musste immer wieder feststellen, dass die meisten von ihnen pure Machtmenschen und Ehrgeizlinge waren, die nur an ihren eigenen Aufstieg auf den Stufenleitern der kirchlichen Hierarchie dachten, dabei jedoch klugerweise ständig das Wohl der Mutter Kirche im Munde führten. Zwar kam es mit diesen Herren nie mehr zu einem so langen und aufschlussreichen Gespräch wie mit dem inzwischen verstorbenen Kardinal, zwar erläuterte unserem Priester keiner von ihnen so offen und entlarvend die Wahrheitsstrategie der Kirche, in der Gott und sein Christus nur als illusionäre metaphysische Stützen für die Stabilisierung des Papsttums und der Hierarchie herhalten müssen. Aber Jakob erkannte doch stets von neuem, dass im Leben, in der tagtäglichen Praxis dieser Herren Gott nicht die geringste existentielle Rolle spielte, dass sie zwar mehr oder weniger intensiv für die Interessen der Kirche eintraten, weil dies auch ihren eigenen Karriereinteressen entsprach, dass sie jedoch in Bezug auf das Gottesproblem gleichgültige Agnostiker oder praktische Atheisten waren.

Jakob konnte zuhören, konnte schweigen, war diskret, und er hatte gelernt, stets die Form zu wahren und keine Gefühle, zumindest keine überschwänglichen, zu zeigen. So erschien er seinen Gönnern und Förderern in der Römischen Kurie für die Übernahme höherer Funktionen bestens geeignet. Aber seinen unbedingten Gehorsam wollte man vorher doch noch testen. So schickte man ihn mit verschiedenen schwierigen, teilweise ihm auch sinnlos erscheinenden Missionen in Entwicklungsländer, nach Afrika, Südamerika usw. Jakob nahm alle diese Aufträge bereitwillig an, nicht weil er Karriere machen wollte, sondern weil er den in ihm immer stärker reifenden Entschluss, der Kirche den Rücken zu kehren, auf eine möglichst breite Basis eigener Informiertheit zu stellen gedachte. Er galt als äußerst vertrauenswürdig, und so erhielt er Zugang zu vielen Generalvikariaten und erzbischöflichen Palästen dieser Länder. Was er dabei an engsten Kontakten hoher kirchlicher Würdenträger mit Diktaturen, Militärjuntas, Mafia-Bossen, Spionagediensten, Drogenschmugglern etc. entdeckte, demonstrierte ihm unwiderlegbar, dass Gott, egal, ob die Herren der Kirche nun an ihn glauben oder nicht glauben, keinen von ihnen daran hindert, die dunkelsten und dreckigsten Geschäfte dieser Welt zu machen. Gott als höchste Instanz und stärkste Stütze der Moral – das verkünden sie zwar großspurig, sagte sich Jakob, aber ihre ganze Praxis beweist, dass sie selber daran nicht im mindesten glauben.

Derart empört war Jakob über all das, dass er umfangreiche Dossiers anfertigte, in denen er minutiös beschrieb und belegte, was er entdeckt und aufgedeckt hatte. Sein Enthüllungsmaterial versandte er an einige prominente Kirchenkritiker, versehen mit dem Zusatz, dass sie sich auf noch brisanteres Material gefasst machen sollen. Dazu kam es aber nicht mehr. Im Schnellzug Genf-Paris fand man ihn tot auf. Die näheren Umstände seines plötzlichen Todes wurden nie geklärt. Seine Geliebte, die junge Nonne, von der oben die Rede war, sagte mir unter Tränen und in grenzenloser Verzweiflung: „Sie haben ihn umgebracht. Er wusste zuviel!“ <<

Der Kurienkardinal und sein Kaplan
Ein aufschlussreiches Gespräch über Jesus, die Moral und den Zölibat

(von Prof. Dr. theol. Hubertus Mynarek)

Der Kardinal, um den es im sogleich zu berichtenden Fall geht, ist ein alter Herr mit 86 Jahren auf dem krumm und steif gewordenen Rücken. Seinen Dienst in der Kurie versieht er schon lange nicht mehr, aber wegen seiner großen Verdienste um die Mutter Kirche hat der Papst höchstpersönlich verfügt, dass ein junger Priester sich ständig zu seinen Diensten bereithält. Dieser Kaplan oder Assistent unseres hochangesehenen Kurienkardinals hat sich in eine junge Ordensfrau verliebt, die dem Kardinal aus dem nahegelegenen Nonnenkloster tagtäglich das Essen bringt, es zuweilen auch selber in der Wohnung des Kardinals zubereitet.

Der junge Geistliche hat also ein Problem, weil er sich tatsächlich in seinem Leben zum ersten Mal richtig verliebt hat und seine Liebe von der jungen Frau auch erwidert wird. Aber so sehr sie auch ineinander verliebt sind, sie haben beide dabei ihre Gewissensbisse und moralischen Skrupel. Sie, weil sie doch schon ihre ewigen Gelübde (der immerwährenden Reinheit und Jungfräulichkeit) abgelegt hat; er, weil er sich doch zum Zölibat, zur priesterlichen Enthaltsamkeit und Ehelosigkeit bei der Priesterweihe verpflichtet hat Aber das Problem mit dem Zölibat weitet sich ihm im Zusammenhang mit seiner Affäre immer mehr aus. Er bekommt ständig weitere Zweifel, er fängt an, alles und jedes zu hinterfragen Bei der Suche nach den Gründen, die entweder den Zölibat oder aber seine Liaison mit der Nonne rechtfertigen könnten, landet er schließlich bei Jesus selbst, also beim Ursprung der christlichen Religion. Und er fragt sich, ob denn dieser Jesus selbst zölibatär gelebt habe oder verheiratet gewesen sei, ob Jesus denn überhaupt als Legitimationsstütze für das kirchliche Zölibatsgesetz herhalten könne.

Aber diese ganze verzweifelte Suche nach Gründen und Gegengründen droht ihm inzwischen alle Fundamente wegzuschwemmen, die sein bisheriges Glaubensleben getragen haben. Er wird immer unsicherer. Schließlich entschließt er sich, den Kardinal, dem er ja zugeteilt ist und der auf ihn einen weisen, freundlichen Eindruck macht, diesbezüglich zu befragen. Er ist dabei vorsichtig genug, die Frage nach dem Zölibat, nach der Erotik und Sexualität im Priesterleben nicht direkt zu stellen. Er hofft vielmehr, dass die Sprache letztlich auch darauf kommen könnte, wenn er zunächst einmal nach der Bedeutung Jesu für die moralische Gesetzgebung der Kirche fragt.

Hier also das sich nun entwickelnde Gespräch zwischen dem Kardinal (=K) und seinen Assistenten (=J, weil sein Vorname Jakob lautet):

J.:           Eminenz, Sie sind so weise, so klug, so belesen, sagen Sie mir, was man von den Kritikern halten soll, die ein ganz anderes Jesusbild entwerfen als das, welches unsere Mutter Kirche lehrt, die auch eine Diskrepanz sehen zwischen der Moral Jesu und der Moral der Kirche.

K.:          Nun, mein Sohn, ich hätte Dir noch vor wenigen Jahren darauf geantwortet, dass diese Kritiker nicht ernst zu nehmen sind, dass böser Wille sie dazu verleitet, Existenz und Vollkommenheit des Gottessohnes Jesus Christus sowie seine Kontinuität mit der Kirche anzuzweifeln oder gar zu leugnen. Aber ich bin jetzt alt, stehe an der Schwelle des Todes, sehe die Dinge glasklar, aber auch gelassener und will Dir reinen Wein einschenken, wobei ich nur ein wenig Angst habe, dass Du vielleicht noch zu jung bist, um die ganze Wahrheit zu verkraften.

J.: Oh, Eminenz, ich dürste nach der Wahrheit, und ich denke, dass ich stark genug bin, sie zu verkraften.

K.: Ja, ja, Jugend überschätzt sich leicht. Aber wer, ob jung oder alt, könnte schon die ganze ungeschminkte Wahrheit ertragen? Sei’s drum, ich muss vor meinem Tode einfach noch einiges loswerden. Du musst nur versprechen, dass Du es für Dich behältst. Versprich mir, dass Du es wie das Beichtgeheimnis hüten wirst.

J.: Ich verspreche es hoch und heilig.

K.: Also, um auf Deine grundsätzliche Frage zurückzukommen: Wie und wer war Jesus wirklich? Siehst Du, mein Sohn, all die Leute, die einen anderen Jesus als den der Kirche lehren, haben ja in Vielem oder Manchem nicht Unrecht. Jesus war tatsächlich nicht der erste Christ, sondern Jude, dem es nicht im Traum eingefallen wäre, eine neue Religion zu gründen, die christliche; er lebte völlig in der Vorstellungswelt der mosaischen Religion und der damaligen israelitischen Moral, wiewohl er diese in mancherlei Hinsicht vertiefen und veredeln wollte. In gewissen Dingen aber war er für meinen Geschmack zu leger, ja bisweilen geradezu lax bis lasziv, wenn ich an seinen Umgang mit Frauen, besonders mit Maria Magdalena oder mit Johanna, der Frau des Finanzministers des Königs Herodes, denke. Offenbar liebte er viele Frauen und legte sich dabei keine Zügel an, allerdings auch nicht seinen Jüngern. Aber auch in anderen Hinsichten war er nicht ohne Fehler. Denke nur an seinen Jähzorn und seine Arroganz, wie er den Feigenbaum oder auch ganze Städte verflucht, nur weil dieser noch keine reifen Früchte trug bzw. diese Städte ihn nicht gastfreundlich aufgenommen hatten. Er konnte schneidend schroff sein, z.B. zu seiner Mutter oder der heidnischen, eben nicht jüdischen Frau, die ihn anflehte, doch ihre Tochter zu heilen. Aber dennoch wäre es ihm als Gotteslästerung erschienen, sich selbst für einen Gott, für den authentischen Sohn Gottes zu halten. Wissenschaftlich-exegetisch besehen, wissen wir nicht einmal genau, ob er sich für den Messias hielt.

J.: Aber, Eminenz, wenn dem so wäre, dann fiele ja das Jesusbild unserer Kirche wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Dann stimmte die ganze dogmatische Lehre der Amtskirche über Jesus Christus überhaupt nicht mehr. Sie wäre Fälschung, Betrug, alles andere als die zu unserem Heil notwendige Wahrheit!

K. Ruhig, mein junger Freund, nur ruhig! Ein wenig mehr Geduld, wenn ich bitten darf. Ich bin ja noch längst nicht am Ende meiner Ausführungen. Die Wahrheit ist doch keine Ware, die nur so herumliegt und die man bloß aufzuheben braucht. Auch nicht etwas, das man aus der Vergangenheit einfach hervorholen kann. Was die nichtkirchlichen Bibelforscher hervorholen, sind doch keine unbezweifelbaren Geschichtswahrheiten, sondern nur Wahrscheinlichkeiten, Möglichkeiten, Hypothesen, Mutmaßungen, die durch die Evangelientexte und die jüdische Umwelt zur Zeit Jesu mehr oder minder gestützt und bestätigt werden. Wir haben ja nur diese Evangelien, die kanonischen wie die apokryphen, die uns etwas über Jesus sagen. Die paar außerchristlichen Zeugnisse kannst Du vergessen, die stützen sich auf Beobachtungen von Christengemeinden, die an Jesus glaubten, und tragen zur Kenntnis der Person Jesu gar nichts bei. Selbst wenn jemand behaupten wollte – und das tun ja einige Historiker -‚ die Gestalt Jesu sei von den Urchristen erfunden und die Evangelien seien Niederschläge der stufenweisen Konstruierung dieser Gestalt, könnte man dies nicht einfach als völlig unwissenschaftliche These disqualifizieren.

J.: Ja, aber dann wäre es doch ebenso, wie ich vorhin eingewendet habe, dass die Lehre der Kirche über Jesus die Unwahrheit ist.

K.: Du hast, mein junger Hitzkopf, nicht genau auf das gehört, was ich gesagt habe. Denk an das, was ich über die Wissenschaftler sage, die zu anderen Ergebnissen bezüglich der Gestalt Jesu kommen, als sie die Kirche lehrt. Diese Ergebnisse sind, so sagte ich, höchste Wahrscheinlichkeiten, Möglichkeiten, mehr oder minder plausible Hypothesen. Wahrheit liegt niemals vor, sie kann aus der Vergangenheit nicht einfach hervorgeholt, sondern muss konstruiert, also hergestellt werden. Sie wird erst real durch die, die die Macht haben, sie zu formulieren und zu konstruieren und den Menschen verbindlich aufzuerlegen. Verstehst Du jetzt, was ich wirklich gemeint habe: Ohne eine Institution, eine Organisation, eine Gruppe von Tonangebenden in einer Epoche, einer Gesellschaft gibt es keine verbindliche Wahrheit. Wahrheit ist nicht das, was ist. Wahrheit ist das, was gemacht wird. Es kann uns, der offiziellen Kirche, im Grunde schnippe und egal sein, was die Bibelforscher in Bezug auf die Gestalt Jesu noch alles ausgraben, ans Tageslicht holen, als mehr oder weniger sichere Erkenntnis über ihn ausgeben werden. Wichtig ist doch nur, dass wir, die Amtskirche, die Weltkirche, auch eine weltumfassende Aufgabe haben, nämlich der Menschheit eine heilbringende Wahrheit zu bringen, die unvergleichlich höher steht als all diese sogenannten wissenschaftlichen und historischen Wahrheit. Diese ganz und gar überlegene Wahrheit braucht gar keine »Ist- Wahrheit« zu sein, sondern muss eine »Soll-Wahrheit«, eine »Ideal-Wahrheit« sein: nämlich dass es vor langer Zeit einen Menschen gegeben hat, der zugleich der wahre, unendlich vollkommene Sohn Gottes war, von Gottvater geschickt, uns zu erlösen, von unseren Sünden zu befreien. Auf diese Weise bekommt die Menschheit das höchste denkbare Vorbild vorgesetzt, das beste Gegengewicht gegen die Götzen, die Idole (Gurus, Führer, Popmusik-Idole, Filmstars etc.), die es gerade heute in Hülle und Fülle wieder gibt.

J.: Aber das ist doch dann keine reale, keine geschichtliche Wahrheit, die da über Jesus gelehrt wird, sondern eine phantastische Idealwahrheit, die uns über den wirklichen Jesus, wenn er denn vor fast 2000 Jahren in Palästina gelebt hat, nichts sagt.

K.: Mein Sohn, das Ideal ist immer wichtiger als die (historische) Realität! Wenn man dieser nähertritt oder, wenn das möglich wäre, näher an sie herantreten könnte, dann würde man merken, wie fehlerhaft, wie befleckt, wie bisweilen sogar nichtssagend und nichtig diese Realität in Wirklichkeit war oder ist. Wir manipulieren daher, wenn man schon das böse Wort Manipulation in diesem Zusammenhang benutzen will, die (graue) Realität, auch die Realität über Jesus, zu ihrem Besten. Wir verbessern sie zum Ideal! Wir machen aus diesem kleinen, unbedeutenden, etwas nichtssagenden Galiläer, von dem die antike griechisch-römische Kulturwelt überhaupt keine Notiz nahm, eine große, ja die größte, religiös und ethisch wichtigste Gestalt der ganzen Weltgeschichte. Vor allem: Wir haben diese Gestalt auch auf ein ganz neues, viel höheres ethisches Niveau emporgezogen, vielleicht haben wir ihm überhaupt erst einmal eine ethische Qualität gegeben, denn seien wir doch ehrlich, der Mann war doch wahrscheinlich ein Hippie, ein Genießer, ja ein Chaot und Anarchist, der sich über heiligste Bräuche und Konventionen seiner jüdischen Umwelt hinwegsetzte, der die jüdischen und römischen Obrigkeiten relativierte, keine Herrschaft über sich anerkennen wollte. Nicht einmal das ethisch Gute erkannte er als solches an, sonst hätte er doch den korrupten Lumpen von Zöllner nicht dem frommen und gute Werke vollbringenden Pharisäer oder den Hurenbock und Verschwender von einem verlorenen Sohn dem fleißigen, treuen, beim Vater gebliebenen Sohn vorgezogen. Er hätte auch die Arbeiter der letzten Stunde nicht ebenso entlohnt wie die den ganzen Tag im Schweiß ihres Angesichts Schuftenden. Ich wundere mich sowieso, dass sich die Gewerkschaften noch nie über diesen so krass ungerechten Text empört haben.

J.: Also eigentlich hat die Kirche dann aus Jesus etwas ganz Anderes gemacht, als er ursprünglich war.

K.: Richtig, aber Du darfst nie vergessen: Sie hat es in bester Absicht getan, um den Menschen, so wie sie sie versteht, etwas außerordentlich Gutes zu tun. Ohne unsere Bearbeitung der Gestalt Jesu ist dieser zu nichts nütze, im Gegenteil: er ist direkt kontraproduktiv. Wir mussten ihn sozusagen präparieren, geradezu umkrempeln. Ich weiß, mein junger Freund, das ist starker Tobak für Dich. Aber vergiss nicht: die Kirche weiß, wo’s langgeht. Sie hat eine jahrtausendealte Erfahrung und weiß, was die Menschen brauchen. Sie brauchen Idole, gute Idole, denn nur das Idol, nicht die Realität tröstet. Wir haben ein Idol konstruiert, das viel besser ist als die Idole, an denen sich die Leute, insbesondere die Jugend, heute berauschen. Die verehren irgendeinen Nur-Menschen, einen Filmstar, einen prominenten Forscher oder Wohltäter der Menschheit u.ä. Wir setzen der Menschheit ein Wesen vor, das Mensch ist und zugleich mehr als ein Mensch, nämlich leibhaftiger Gottessohn, womit wir alle anderen zu sehr von Menschen verehrten Vorbildern einfach zu Götzen erklären können.

J.: Das ist doch dann sehr clever, fast schon raffiniert gemacht: diese Desavouierung aller anderen Vorbilder zugunsten des von der Kirche gemachten Vorbildes. Kann man denn insofern noch von „bester Absicht“ sprechen, oder verfolgt die Kirche nicht doch ein paar Eigeninteressen, wenn sie den Menschen einen derart stark umfunktionierten Jesus darbietet?

K.: Wir fühlen uns eben für die Moral der Menschheit verantwortlich und auch zuständig. Das ist eine so große Sache, da muss uns jedes Mittel zur Grundlegung und Förderung dieser Moral recht sein.

J.: Auch das der Verfälschung der (historischen) Wahrheit, das der Deklarierung eines Gottessohn-Mythos zur Realität?

K.: Auch das! Wo wenn nicht hier heiligt der (hohe) Zwecke die Mittel?! Nur ganz Wenige handeln aufgrund eines inneren Gewissensantriebs. Die Masse kommt nicht einmal zu einer Minimalmoral, wenn wir ihr kein göttliches, kein gottmenschliches Vorbild vor die Nase setzen, das sie führt, ihr befiehlt, sie belohnt oder bestraft. Dass wir, die hierarchische Kirche, dabei als Mittler, als irdische Ausführungsorgane dieser göttlichen Belohnungs- und Bestrafungsrituale, z.B. mithilfe der Beichte, fungieren und uns dabei von niemandem ersetzen lassen, ist doch fast selbstverständlich. Nur Böswillige können das als unser gruppenegoistisches Eigeninteresse schlechtmachen. Natürlich versuchen wir unsere Herrschaft immer mehr zu festigen, denn die Festigung unserer Herrschaft dient ja auch der Festigung des Christusidols, das die Masse braucht, um moralischer zu werden. Ich gebe zu, da besteht auch eine Wechselwirkung, denn wenn die Menschen an dieses Ideal eines Gottessohnes immer fester glauben, glauben sie auch immer stärker an die göttliche Sanktionierung, an die Gottgestiftetheit unserer Institution. Wir machen es ja andererseits den Menschen in vielen Hinsichten auch nicht allzu schwer. Sicher, wir verbieten ziemlich rigoros Vieles in puncto Sexualität. Aber zugleich wissen wir, dass die meisten Menschen die Verbote des außer- und vorehelichen Geschlechtsverkehrs, der Homo- und Bisexualität, der Ehescheidung, der Masturbation usw. ohnehin nicht halten. Dadurch kriegen sie ein schlechtes Gewissen, ein sie belastendes Schuldbewusstsein. Und dann stehen wir da wie der Vater des verlorenen Sohnes und erlassen den Schuldbewussten in der Beichte gütig ihre Sünden. Diese Aufrechterhaltung eines Bewusstseins der Schuld ist zwar ein Mittel unserer Herrschaft, aber auch damit dienen wir ja den Menschen, ihrer Entsündigung, ihrer Moral. Und da, wo dieser Anarchist Jesus zu rigorose Forderungen gestellt hat – denke nur an den Befehl, alle Habe aufzugeben und ihm zu folgen -‚ dort haben wir diese Postulate einfach dem Vergessen anheimgegeben oder sie in die Klöster verlegt, wo der einzelne Mönch, die einzelne Nonne zugunsten der Mutter Kirche auf seinen Besitz verzichtet. Wo kämen wir auch hin, wenn wir die Reichen aus der Kirche herausekeln würden?

J.: Das klingt aber sehr nach dem Prinzip »Zuckerbrot und Peitsche«: einmal rigoros in den moralischen Anforderungen, dann wieder relativ lax in der Ausführung. Gehen weltliche Diktaturen bisweilen nicht auch so mit ihren Untertanen um? Aber nicht darum geht es mir jetzt primär. Darf ich mir vielmehr, Eminenz, noch einmal die ganz grundsätzliche Frage erlauben, ob es denn nicht doch falsch, unsittlich, unwahrhaftig, ja betrügerisch ist, wenn die Hierarchie der Kirche ihre gute Moral auf das Fundament der Lüge stellt, nämlich auf die von ihr gemachte und erfundene Botschaft vom Gottmenschen Jesus Christus?

K.: Mein Sohn, wenn das eine Lüge sein sollte, dann ist das eine Lüge höherer Natur, eine Lüge zum Heil der Menschheit. Wir haben für diese Lüge, ich sage lieber: für diese höhere Wahrheit unermesslich viele Mühen und Opfer aufgebracht, bis wir es erreicht hatten, dass diese Pyramide, dieser Prachtbau mit Gottvater an der Spitze, mit seinem Sohn Jesus Christus an der Übergangsstelle zwischen Zeit und Ewigkeit, Diesseits und Jenseits, Erde und Himmel, und mit dem Papst als sichtbarem Repräsentanten dieser metaphysischen Größen errichtet war. Tausende von Kirchentheologen modellierten in jedem Jahrhundert der Kirche an den kleinsten Details dieses Baus. Die Sache ist auch ästhetisch, architektonisch, nicht bloß ethisch eine absolute Meisterleistung, für die uns alle Menschen dankbar sein müssten. Stattdessen ernten wir immer wieder Undank und oft wird unser ganzes Werk als Erfindung einer machtbesessenen Priesterkaste hingestellt. Aber das stehen wir durch, wir tun es ja für das höhere Wohl der Menschheit.

J.: Ich bin mir nicht sicher, ob die Menschheit oder genauer die Masse jener gläubigen Menschen, die die Sache noch nicht durchschaut haben, dankbar sein wird, wenn sie einmal erkennt, dass sie in Bezug auf die Person und den Charakter Jesu von der Kirche total irregeführt worden ist.

K.: Ach, die Masse!  Die Masse wird das doch nie durchschauen. Und Dich, der Du intelligent bist und das durchschaust, ermahne ich, die ganze Geschichte nicht gar so eng und kleinlich zu sehen. Sei doch froh, dass wir, die hierarchische Kirche, d.h. Päpste, Kardinäle und Bischöfe, Jesus so groß herausgebracht haben. Das ist nun mal der Gang der Geschichte: Aus Kleinem wird im Lauf der Zeit Großes! Und wenn etwas nicht von vornherein groß ist oder von allein groß wird, dann helfen wir eben nach. Das Volk braucht zur Stützung und Stabilisierung der Moral eine große Persönlichkeit aus der Geschichte als Vorbild, es will zu jemandem aufschauen. Und je weiter diese Persönlichkeit zeitmäßig zurückliegt, umso besser. Der Abstand der Geschichte bewirkt, dass man auch die faktische Kleinheit, die Fehler eines Charakters etc. nicht mehr so genau rekonstruieren kann.

J.: Ja, aber mich beunruhigt der Gedanke, dass die Hierarchen der Kirche das alles vielleicht gar nicht so sehr zum Ruhm und zur Erhöhung des Galiläers Jesus gemacht haben, sondern um über einen Faktor, eine Größe zu verfügen, die durch ihr Vorbild die Organisation Kirche in ihrer Macht und Ausbreitung stabilisiert und fördert.

K.: Nun, das kann Dir so erscheinen. Aber bedenke, mein Sohn: Moral kann man bei der Masse der Menschen nur durchsetzen, wenn man über eine große, imposante, Eindruck machende Organisation verfügt, die wiederum als eine Bedingung ihrer Effizienz einen großen Stifter nötig hat. Denk doch auch nur an die Fleischlichkeit des Massenmenschen, seine grobe und rohe Sexualität. Wie willst Du die vergeistigen, veredeln, wenn Du nicht mit einem Menschen in legendärer Vorzeit aufwarten kannst, der total, eben göttlich erhaben über alle Gelüste des Fleisches, über alle dunklen Triebe war, der dem Geist in uns Menschen zum Siege über die niedrige Natur verhelfen kann. Wir mussten also geradezu aus dem Jesus, den Zeitgenossen, wie die Evangelien berichten, als „Fresser und Säufer“ und als Frauenfreund beschimpften, einen sinnenfeindlichen Asketen machen, dem die böse Libido nichts anhaben konnte. Dadurch haben wir in unserer Morallehre die Priorität, die Herrschaft des Geistes über den Körper durch ein überragendes gottmenschliches Vorbild grundgelegt, wiewohl die ewig nörgelnden Kritiker aller Jahrhunderte uns auch dafür nicht dankbar waren. Haben sie uns doch deswegen Natur- und Leibfeindlichkeit vorgeworfen und zugleich spöttisch darauf hingewiesen, dass wir selbst uns an diese körperfeindliche Moral meist nicht gehalten haben. Aber das in der Sinnlichkeit versunkene Volk braucht eben den Glauben, dass es Einen gab, der sein Fleisch beherrschte. Es sündigt zwar trotzdem in sexueller Hinsicht noch und noch, aber indem es die Differenz, den Abstand zu diesem göttlich Reinen erfährt, ist es ja umso schuldbewusster und disponierter zum Gehorsam, zur Subordination gegenüber der Kirche.

J: Aber dann stecken ja doch wieder Machtinteressen hinter dem Ganzen. Die Hierarchen legen den Menschen Keuschheitsgebote auf, die kaum jemand halten kann, und stärken die Sanktionskraft dieser Gebote mit dem Hinweis auf einen superreinen Übermenschen, der einmal gelebt haben soll. Das alles tun sie, weil sie glauben, dass die Masse sich lieber von Leuten führen lässt, die als Beherrscher der Triebe, als Erhabene über das Irdische und die böse Fleischeslust gelten. Nur: Mir scheint, das imponiert heute den Leuten immer weniger, und immer weniger Menschen wollen das noch glauben. Die Menschen hassen vielmehr die Heuchelei, die keusche Fassade, hinter der das von den Kirchenfürsten erlassene Verbot umso ungestümer gebrochen wird, und zwar doch auch von Priestern aller Hierarchiestufen selbst. Kann denn Gott all das so gewollt haben, wie Ihr das arrangiert habt?

K.: Also, lieber junger Freund, komme mir in diesem Zusammenhang doch bitte nicht mit Gott. Unter uns gesagt, wo hat Gott denn jemals unzweideutig oder auch nur zweifelsfrei gesprochen? Aber wir Hierarchen, genauer: unsere Hoftheologen, haben ein imponierendes System der Offenbarung eines eindeutig sprechenden Gottes geschaffen. Das Volk braucht Eindeutiges, Autoritatives. Das liefern wir, indem wir sagen: Gott selbst, die höchste Autorität und Instanz, hat gesprochen und genau gesagt, was Er will und was die Menschen zu befolgen haben, wie wir das noch kürzlich im »Katechismus der katholischen Kirche« Punkt für Punkt ganz exakt fixiert haben. Nur so kann bei den Menschenmassen das moralische Chaos verhindert werden. Es ist grandios, was wir aus den vieldeutigen, zusammengewürfelten, unsystematischen, oft sogar unverständlichen Reden Jahwes und Jesu in der Bibel und auch aus den noch sehr einfältigen, theologisch nicht durchdachten Briefen der Apostel in mühsamer Arbeit gemacht haben. Deshalb sind wir Hierarchen trotz all unserer Fehler – die das Volk übrigens längst vergessen hat, die nur von einigen unbelehrbaren Kirchenkritikern notorisch wiederholt werden – die eigentliche moralische Autorität der Welt, der Fix- und Orientierungspunkt, an den sich die Menschen halten können und meistens auch halten wollen, denn wer will schon wirklich in Bezug auf die letzten Sinnfragen auf eigenen Beinen stehen und selbständig Antworten erarbeiten? Die Schafe und Esel unter den Menschen sterben noch lange nicht aus, und das garantiert unsere Herrschaft. Diesbezüglich hat der aufmüpfige Mönch Giordano Bruno, den wir aber unter anderem gerade wegen seiner »Eselshymne« auf die Kirche verbrennen mussten, ausnahmsweise mal nicht Unrecht.

J.: Ich weiß nicht, Eminenz, ob in dieser Hinsicht die Kirchenführer nicht einer Selbsttäuschung unterliegen. Das Ende der indoktrinierten und manipulierten »Schafe« und »Esel« ist doch schon in Sicht. Die Kirchenaustritte schlagen immer höhere Wellen. Viele Menschen gehen jetzt auch in religiöser und ethischer Hinsicht ihre eigenen Wege. Und das Volk, die Menschenmassen – die jubeln dem Papst zwar in einigen Ländern der Dritten Welt noch immer zu, wie sie jedem Guru, jedem vermeintlichen Heilbringer, jeder Sensation zujubeln, aber seine rigorosen moralischen Appelle befolgen sie deshalb noch längst nicht. Auch viele Priester laufen weg, heiraten bzw. gehen heterosexuelle oder homosexuelle Partnerschaften ein. Kürzlich hat mir einer von ihnen gesagt, dass es einen der lächerlichsten Witze der Weltgeschichte darstellt, aus der Lehre Jesu ein Zölibatsgesetz oder gar einen ganzen verschrobenen Moralkodex nach Art des neuen Katechismus abzuleiten.

K.: Mein Sohn, jetzt vergreifst Du dich aber ganz entschieden im Ton. Doch will ich das dem Ungestüm Deiner Jugend ankreiden, nicht Dir selbst. Aber zur Sache: Du hältst es für möglich, dass wir Hierarchen einer Selbsttäuschung unterliegen. Denk nicht, dass ich im Lauf meines langen Lebens mich das nicht auch selbst einige Male gefragt habe. Aber ich vermag letztlich einfach nicht zu glauben, dass dieses ganze Unternehmen Kirche mit all den ungeheuren Anstrengungen, eine erhabene Doktrin in dogmatischer wie moralischer Hinsicht zu schaffen, nicht auch ein Werk des Heiligen Geistes ist. Die Proklamierung der Unfehlbarkeit des Papstes ist ja nur die Konsequenz dieses Glaubens an die Wirksamkeit des HI. Geistes in all unseren Unternehmungen.

J.: Aber gerade dieses Unfehlbarkeitsdogma gab es doch in der Geschichte des Christentums bis ins 19. Jahrhundert überhaupt nicht. Ja, es wurde früher sogar von den Päpsten selbst strikt abgelehnt. Der erste Papst, dem man die päpstliche Unfehlbarkeit zusprechen wollte, bezeichnete sie empört als »Lehre des Teufels«. Es war Papst Johannes XXII., der in seiner Bulle »Quia quorundam« (1324) diejenigen als Irrlehrer und als inspiriert vom »Vater der Lügen« bezeichnet, die behaupten: »Was die römischen Oberhirten einmal mit dem Schlüssel des Wissens in Fragen des Glaubens und der Moral definiert haben, steht so unbeweglich, dass ein Nachfolger es nicht widerrufen darf.« Ja, dieser Papst behielt sich sogar ausdrücklich und prinzipiell das Recht vor, ein Ketzer zu sein, wiewohl er im gleichen Atemzug betonte, dass er nicht gedenke, dieses Recht auch auszuüben. Übrigens war Johannes XXII. nicht der einzige Papst, der die eigene Unfehlbarkeit leugnete. Erst im 16. Jahrhundert begann die päpstliche Unfehlbarkeit an Boden zu gewinnen, und erst im 19. Jahrhundert wurde sie bekanntlich zum Dogma erhoben. Und bedenken Sie auch, Eminenz, wie viele Päpste machtversessene Opportunisten dem Staat gegenüber waren. Sie sind den römischen Kaisern, solange diese noch mächtig waren, in den Hintern gekrochen, wofür sie ja auch von ihnen reichlich mit Privilegien bedacht wurden. Kein Wunder also, dass sie zunächst und für lange Zeit nicht sich selbst, sondern dem römischen Kaiser die Unfehlbarkeit zugeschrieben haben. Im Jahre 457 erklärt Papst Leo der Große in Bezug auf den Kaiser: »Durch die Macht des Heiligen Geistes braucht er keine menschliche Unterweisung und kann sich in der Lehre nicht irren.« Jeder Katholik, der diesen Satz liest, würde ihn auf die Päpste beziehen. Die Wahrheit aber ist: Er bezieht sich auf die Unfehlbarkeit des Kaisers. Mir scheint überhaupt, dass Unfehlbarkeit eine göttliche Eigenschaft ist, die sich kein Mensch zuschreiben sollte. Vielleicht wird Gott beim letzten Gericht die Päpste an diesem Maßstab besonders scharf messen.

K.: Nun, ich bin kein Papst. Aber ich kann mir gut vorstellen, wie sich die Päpste vor Gott und Jesus beim letzten Gericht verteidigen könnten. Sie werden in etwa zu Jesus sagen: „Du und Deine Jüngerschar: Ihr wart doch regelrechte Stümper und Versager. Ihr habt doch nicht einmal eine richtige Kirche zustande gebracht, wart vom Irrtum des nahen Gottesreiches so erfüllt, dass Ihr und Euer Werk, wenn man denn schon von einem solchen reden könnte, ohne uns Päpste längst in den Nebelschwaden der Geschichte untergegangen wärt, ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Schaut dagegen auf jene herrlich durchorganisierte Institution, die man römisch-katholische Kirche nennt und die vornehmlich das Werk von uns Päpsten und unseren Dienern ist. Da müsst Ihr doch vor Neid erblassen! Diese perfekten Kontrollmechanismen der Rechtgläubigkeit und der Orthopraxie, der richtigen Sittlichkeit und Moral: der ganze Vatikan als die heilige Chefetage der Religion, die Kurie, ihre Ministerien, sprich: Kongregationen, die Nuntiaturen in fast allen Staaten, die Glaubenskongregation, also das früher so gut arbeitende Inquisitionsbüro oder Heilige Offizium – all das muss Euch doch zeigen, dass keine Religion so gut organisiert ist wie die christliche in Gestalt der römisch-katholischen Kirche. Und dieser Organisation verdankt Ihr, dass Ihr im Gedächtnis der Menschen überhaupt noch weiterlebt. Sonst wär‘ die Spur von Euren Erdentagen längst verweht! Also nicht so sehr wir Euch, Ihr schuldet uns höchste und tiefste Dankbarkeit.“

J.: Sie, Eminenz, loben so überschwänglich die kirchliche Organisation, ihre Macht und Kontrollfunktion. Aber bleibt da nicht die Freiheit eines Christenmenschen auf der Strecke? Fällt sie nicht der von Euch so bewunderten und gepriesenen Kontrollfunktion des Glaubens und der Moral zum Opfer? Jetzt verstehe ich auch die sich daraus ergebende Konsequenz, nämlich dass Ihr das Zölibatsgesetz für Priester gar nicht aufheben könnt, weil Ihr ein ganzes Heer dienstbarer Eunuchen benötigt, die die von Euch errichteten Kontrollmechanismen bedienen und betätigen müssen, die die universale Kontrolle der Gläubigen auch tatsächlich ausüben. Dafür eignet sich der zölibatäre Priester ja besonders, weil er erpressbar ist, weil er das Zölibatsgesetz nicht halten kann und deshalb gegenüber Euch, gegenüber der Kirche sich schuldig fühlt. Er muss durch besonderen Eifer für die Kirche und besonders schmiegsame Anpassung an die kirchlichen Vorgesetzten seine Verfehlungen im sexuellen Bereich kompensieren, ja überkompensieren. Er ist Euer Produkt, das Resultat jener Schizophrenie, die darin besteht, dass er sich in seinem Innern schuldig fühlen muss, obwohl er vor dem gläubigen Volk den Unschuldigen zu spielen hat. Ein Theater, eine Komödie, aber wahrhaft keine göttliche!

K.: Der Idealismus in der Auffassung von der Freiheit, den Fähigkeiten und Möglichkeiten des Menschen hat doch schon einmal zur Katastrophe geführt – damals im Jahr 30, 35 oder 37 unserer Zeitrechnung, als Jesus gekreuzigt wurde und die Jünger in alle Richtungen auseinanderliefen. Die Geschichte selbst hat also die Richtigkeit unserer Konzeption des Menschenbildes erwiesen, vor allem dies, dass der Mensch ein Zwangskorsett braucht, um nicht zügellos zu werden. Die Konzeption Jesu, will man schon von einer solchen sprechen, hat ein paar Jahre gehalten, unsere schon fast zwei Jahrtausende! Aber schließlich und endlich: Wer später lebt, hat immer recht! Und zwar deswegen, weil er die, die vorher waren, nach seinem Gutdünken interpretieren kann, ohne dass die Toten sich noch wehren könnten. Die Geschichte selbst, die wir machtvoll nach unserem Gutdünken deuten, gibt uns Recht. Selbst wenn Jesus anderer Meinung sein sollte als wir, es nützt nichts mehr. Die Menschen kennen ihn fast nur noch in seiner kirchlich, d.h. von uns präparierten Gestalt, in der er uns allerdings zugegebenermaßen recht nützlich ist. Ich gebe zu: Es könnte jetzt bei Dir der Eindruck entstanden sein, dass wir Herren der Kirche das alles, was mit Jesus und seiner Umgestaltung, Erhöhung und Vergöttlichung zusammenhängt, so einfach aus uns heraus getan hätten, wenn auch nicht mit einem Mal, sondern in einem langen geschichtlichen Prozess. Aber ich betone nochmals: Wir, wenigstens die Mehrheit von uns, glauben, dass wir auch metaphysisch zu diesem Tun berufen wurden, dass wir von der Transzendenz, von Gott selbst, dazu legitimiert sind, weil der ja ein Interesse daran haben muss, dass das Menschengeschlecht moralisch ge- und verbessert wird. Wie soll denn dies anders als auf unsere Weise geschehen? Es ist die einzige unfehlbare Methode, für die Menschheit ein übermenschliches ethisches Ideal, nämlich eben Jesus zu konstruieren, ihr dieses Ideal als unfehlbare dogmatische Wahrheit verbindlich aufzuerlegen, um sie dadurch zu versittlichen. Wenn die Menschen zweifeln, dann können Sie keinen Mut, keine Festigkeit in ihrem sittlichen Handeln haben. Deswegen muss auch unser oberster Herr auf Erden, der Papst, unfehlbar sein und seine wichtigsten moralischen Dekrete unfehlbar, irrtumsfrei verordnen. Wir, d.h. wenigstens die meisten unter uns Bischöfen und Kardinälen glauben, dass diese Unfehlbarkeit nicht bloß eine innere Notwendigkeit unseres Systems ist, sondern irgendwie auch von Gott selbst gewollt wird, der ja, wie gesagt, die Menschheit versittlichen will.

*

Dem Assistenten des Kardinals gefiel dessen Argumentation ganz und gar nicht. Zwar verstand er durchaus, was dieser meinte, zwar billigte er dem Kardinal auch zu, dass der subjektiv überzeugt war, einer guten Sache zu dienen und ihr zum Sieg verhelfen zu wollen. Aber die Sache selbst roch ihm, objektiv betrachtet, zu sehr nach dem Prinzip: »Der gute Zweck heiligt alle Mittel«. Der junge Priester hatte eben noch eine ganz andere Auffassung von der Wahrheit. In seinem Theologiestudium hatte er Wahrheit als »adaequatio intellectus et rel«, als Übereinstimmung des Verstandes mit der vorgegebenen, vom Menschen nicht konstruierten und nicht herzustellenden Wirklichkeit definiert bekommen und diese Definition von Wahrheit hatte er auch auf die geschichtliche Wirklichkeit übertragen. Das heißt, er war überzeugt, dass Geschichtsforschung, auch die Erforschung der Anfänge des Christentums, legitimierterweise einzig und allein darin zu bestehen habe, zu erkennen, zu entdecken, wie es wirklich gewesen war, keineswegs aber darin, diese Anfänge so darzustellen, so zu konstruieren, so zu verfälschen, dass sie dem Image, den gegenwärtigen Zielen und Absichten der Kirche und ihrer Führer dienen und nützlich sein konnten, auch wenn dadurch evtl. die Moral der Masse gehoben werden sollte. Nein, dieser pragmatische Wahrheitsbegriff seines Kardinals und offenbar doch auch zahlreicher anderer Kirchenfürsten verstieß nicht nur gegen das, was der junge Mann in seinem Studium gelernt hatte, sondern auch gegen sein ganz elementares, ganz natürliches und spontanes Wahrheitsempfinden, gegen seine Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit. Und er war überzeugt, dass auch die einfachen Leute, das Kirchenvolk in seiner ganz überwiegenden Mehrheit so dachten.

Der junge Mann hatte aber auch im Lauf des Gesprächs längst erkannt, dass es völlig unmöglich sein musste, den alten Herrn von dessen Vision der Wahrheit abzubringen. Das wäre vergebliche Liebesmüh gewesen. Der ganze Lebenssinn des Kardinals war ja mit dieser Wahrheitsauffassung verknüpft. Er war überzeugt, den Menschen zu dienen, wenn er die Wahrheit so herrichtete, so konstruierte, dass sie Jesus und die Kirche größer erscheinen ließ, als diese es tatsächlich waren. So verbogen und verkrümmt war das Denken dieses Kirchenfürsten im Laufe seines Lebens geworden, dass es an den Tatsachen gar nicht mehr interessiert war, diese Tatsachen ihm höchstens noch als Rohmaterial dienten, an dem er so lange herummanipulieren konnte, bis sie die Form, die Gestalt angenommen hatten, die ihm im Interesse der Kirche und deren Moral nützlich erschien.

Aber obwohl dem jungen Priester eine weitere Diskussion eigentlich zwecklos erschien und er auch bereits ahnte, was der Kardinal in etwa antworten würde, fragte er ihn, mutiger geworden, dennoch nach dem Sinn des Zölibats, der Ehelosigkeit der römisch-katholischen Priester, wobei er, um von sich und seinen eigenen diesbezüglichen Problemen abzulenken, darauf verwies, dass doch so viele Priester ihr Amt aufgeben, weil sie das Zölibatsgesetz der Kirche nicht einzuhalten vermögen.

Im Folgenden also die Antwort des Kardinals und die Fortsetzung des Gesprächs zwischen ihm und seinem Assistenten:

K.: Das Zölibatsgesetz der Kirche ist doch im Rahmen der hier von uns diskutierten Problematik eine fast ganz unwichtige Randerscheinung,   beinahe eine Bagatelle. Die Kirche hat doch gerade heute ganz andere, viel gravierendere Probleme.

J.: Nun immerhin, es handelt sich doch um Hundertausende von Priestern, die zu diesem Gesetz verpflichtet werden und es meistenteils als schwere Last empfinden.        

K.: Mein lieber junger Freund, Du hast offenbar den eigentlichen Sinn, die eigentliche Stoßrichtung meiner Argumentation immer noch nicht verstanden. Du musst doch immer zwischen dem subjektiven Empfinden der einzelnen Individuen in der Kirche und der übergeordneten Sicht der hierarchischen Kirche selbst unterscheiden. Subjektiv mag es für viele Priester sehr schwer sein, das Zölibatsgesetz einzuhalten. Objektiv, d.h. aus der übergeordneten Sicht der Amtskirche, ist der Zölibat überhauptkein Problem. Der Priester, der dieses Gesetz übertritt, soll zur Beichte gehen und damit hat sich sein Problem doch erledigt. Und wenn er wieder sündigt, soll er eben wieder zur Beichte gehen. Das vertieft einerseits sein Schuldbewusstsein und anderseits vergrößert es seine Dankbarkeit gegenüber der gütigen Mutter Kirche, die ihm unaufhörlich vergibt. Das ist also überhaupt kein Problem. Aber die übergeordnete Sicht der Kirche verlangt, dass das Zölibatsgesetz aufrechterhalten wird, unter anderem deswegen, weil wir uns verheiratete Priester mit allen aus der Ehe sich ergebenden Komplikationen, auch den damit gegebenen finanziellen Belastungen , einfach nicht aufhalsen wollen. Außerdem ist es für die Moral des Kirchenvolkes wichtig, zu glauben, dass der Seelsorger ganz ungeteilt, einzig und allein für es da ist.

J.: Aber ist das nicht gerade Doppelmoral und Heuchelei? Den Gläubigen wird vorgegaukelt, dass der Priester ein engeigleiches, nur für seine Gemeinde sorgendes Wesen ist, während doch die Verant-wortlichen in der Kirche insgeheim ganz genau wissen, dass ein großer Prozentsatz von Priestern sexuelle Kontakte zu Frauen unterhält, Kontakte, die diese Priester gar nicht in die andererseits von der Kirche doch wärmstens befürwortete und vermeintlich vergeistigende eheliche Gemeinschaft umwandeln können, weil ihnen die Heirat verboten wird.

K.: Mit Doppelmoral und Heuchelei hat das nichts zu tun, auch wenn es, oberflächlich betrachtet, danach aussehen mag. Denkst Du, die Kirche kennt nicht die menschliche Natur? Sie kennt sie besser als jeder andere. Für diese menschliche Natur kann die Kirche nichts. Sie findet sie vor, und sie muss, so wie diese Natur in ihrer ganzen Erbärmlichkeit und Schwachheit nun einmal ist, mit ihr recht und schlecht umgehen. Wenn hier einen eine Schuld trifft, auf den dann also auch der Vorwurf der Heuchelei letztlich zurückschlüge, dann wäre das Gott selbst, der aus irgendeinem, für uns nicht einsichtigen Grund auf den keineswegs idealen Einfall kam, den Menschen nicht als Menschen, nicht einfach als Mann, sondern als zweigeschlechtliches Wesen zu erschaffen, so dass der Mensch uns stets als Mann oder als Frau entgegentritt. Daraus resultieren doch so überaus viele Komplikationen und Leiden zwischen den bzw. der Menschen. Aber ich will mir keineswegs erlauben, hier blasphemisch zu sein und dem Schöpfer deswegen Vorwürfe zu machen. Nur ist festzuhalten, dass wir uns mit dieser gottgewollten Mann-Frau-Struktur des Menschen abzufinden und sie als Amtskirche in die entsprechenden Kanäle zu leiten haben. Dem Priester haben wir daher im Rahmen dieser Struktur die Funktion zugewiesen, diese ganze Schweinerei von Mann-und Frau-Kontakten zu veredeln, zu vergeistigen. Das heißt: Der Priester, ob er nun persönlich mit einer Frau sündigt oder nicht, soll in der Öffentlichkeit als leuchtendes Symbol dastehen für die Möglichkeit des Sieges über das Fleisch, des Triumphes über die geile Körperlust. Wenn damit Heuchelei verbunden ist, nun denn, dann ist sie eine unangenehme, aber leider notwendige Begleiterscheinung einer in sich guten Sache. Wir verbessern sozusagen Gottes Schöpfung!

J: Ist das denn nicht aber die größte Blasphemie, die schlimmste Gotteslästerung, zu behaupten, man könne Gottes Schöpfung verbessern? Lehrt die Kirche nicht unentwegt und unfehlbar, dass Gott die unendliche, unüberbietbare Vollkommenheit ist und eine ursprünglich überaus gute Schöpfung ins Leben gerufen hat, die die Menschen nur verschlechtern, nicht aber verbessern können? Es kann ja meines Erachtens auch gar nicht anders sein. Wenn Gott, wie unsere Kirche lehrt, der unendlich Gute und Vollkommene ist, dann kam er nur Gutes und Vollkommenes in die Welt setzen.

K.: Das klingt zwar sehr gut und überzeugend, mein junger Freund. Aber Du übersiehst hier schon wieder die unabdingbare, unentbehrliche Funktion der Amtskirche. Das, was Du gerade eben so vortrefflich über Gott, seine Vollkommenheit und die Vollkommenheit seiner Schöpfung gesagt hast, das ist nur deshalb so, weil das die Kirche so perfekt zurechtgezimmert und zum Dogma erhoben hat. Gott mag ja tatsächlich in sich unendlich vollkommen sein, aber offenbart, geäußert gegenüber der Welt und den Menschen hat er sich doch immer nur sehr unvollkommen, um nicht zu sagen stümperhaft. Schau Dir doch das eigentliche Buch seiner Offenbarungen, die Bibel, an. Wie erscheinen Er und sein Wort in diesem Buch? Alles andere als eindeutig, klar, geradlinig und vollkommen! Er gebärdet sich launisch, stimmungsabhängig, wutschnaubend, ungerecht, mitunter grausam, gebietet die Vernichtung ganzer Völker mitsamt Frauen und Kindern, lässt fast die ganze Menschheit in der Sintflut untergehen, erbarmt sich, wessen er sich erbarmen will und vernichtet, wen er vernichten will, und zwar ohne jede Rücksicht auf die guten oder bösen Taten des Betreffenden, weil Er das als Schwächung und Antastung seiner von nichts abhängigen Souveränität und Allmacht ansieht.

Merkst Du, mein Sohn, warum es also der Kirche so notwendig bedarf? Päpste, Bischöfe und unsere Hoftheologen haben aus diesem Chaos widersprüchlicher Aussagen der Bibel ein wunderbares, einheitliches, widerspruchsloses System der Offenbarung eines unüberbietbar – auch ethisch – vollkommenen und nunmehr eindeutig zur Menschheit sprechenden Gottes gemacht.

Erst eigentlich durch uns Kirchenfürsten wird Gott das, was er sein soll: Der unendlich Vollkommene und als solcher die höchste Autorität und moralische Instanz, die zu uns gesprochen und genau gesagt hat, was Er will und was die Menschen zu befolgen haben.

J.: Seien Sie mir bitte nicht böse, Eminenz, aber mir drängen sich dabei doch ein paar ganz schwerwiegende Fragen auf: Setzt sich die Amtskirche auf diese Weise nicht über Gott, nicht höher als Gott? Woher weiß sie denn, dass Gott sie zu dieser Art Verbesserung des Gottesbildes und der biblischen Aussagen über ihn ermächtigt hat? Glauben Sie, Eminenz, überhaupt an die Existenz Gottes? Denn mir kommt es doch fast so vor, als ob Gott in der von Ihnen vorgetragenen Konzeption ein ziemlich hilfloses, passives X ist, mit dem die Kirche nach Belieben verfährt, aus dem sie macht, was ihr nützlich erscheint.

K.: Mein lieber Sohn, ich bin alt und stehe an der Schwelle des Grabes. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte ich bereits in diesen Fragen das Wirken des Dein Gehirn vernebelnden und verbosenden Teufels gesehen und Dir erbarmungslos jeden Aufstieg auf der kirchlichen Karriereleiter verbaut. Aber ich kenne Dich ja und weiß, dass Du nicht aus Bosheit derartige Fragen stellst. Also zu Deiner letzten Frage, ob ich an Gott glaube. Siehst Du, letztendlich spielt das gar keine Rolle. Denn ob er ist oder nicht ist – er schweigt, und die Arbeit müssen wir so oder so selber machen. Sie fällt uns so oder so zu. Also fühlen wir uns ermächtigt, das grandios-imposante Gebäude der Lehre von einem unendlich vollkommenen Gott und seiner autoritativ-souveränen sittlichen Gesetzgebung aufzurichten. Wenn Du fragst, ob sich die Amtskirche auf diese Weise nicht über Gott, nicht höher als Gott selbst setze, muss ich demgemäß antworten:

Sei’s drum. Wenn Gott nicht existiert, kann er durch unser vermeintliches Sich-höher-Setzen gar nicht beleidigt werden. Wenn Er aber existiert, dann scheint Er nichts dagegen zu haben, jedenfalls tut er nichts dagegen. Also dürfen wir Herren der Kirche annehmen, dass er es billigt, weil wir es ja um der sittlichen Veredelung der Menschheit willen tun. Natürlich können wir dem Volk nicht sagen, dass wir keinen direkten, ausdrücklichen Auftrag von Gott für unsere Art von Vorgehen erhalten haben, ja dass wir nicht einmal wissen, ob Er existiert. Denn auf diese Weise entzögen wir ja unseren ganzen moralischen Bestrebungen die Basis. Du siehst aber, es ist alles sehr logisch und konsequent in unserer Sicht der letzten Dinge, die für die Menschheit so wichtig sind. Angesichts der Unerkennbarkeit Gottes, der Unmöglichkeit, definitiv zu entscheiden, ob er nun existiert oder nicht existiert, ist unsere Konzeption einer Moral für die gesamte Menschheit unter der Regie der Kirche das Beste und Konsequenteste, was in diesem Falle überhaupt geschehen kann. Sollte man diese Konzeption als Betrug ansehen, ist es jedenfalls ein Betrug zum Wohle aller Menschen. Aber ich glaube ziemlich fest daran, dass es kein Betrug ist, sondern Unser Tun, das Tun der kirchlichen Hierarchie, unsichtbar vom Plan der göttlichen Vorsehung geleitet wird, um die Menschheit zum Besseren hinzuführen. Von außen betrachtet, ist es nur Unser Tun, insgeheim aber leitet uns ein Heiliger Geist!

J.: Eminenz, ich sehe ja, dass Sie die Strategie der Kirche, die Sie hier so überzeugend dargelegt haben, geradezu mit heiligem Stolz erfüllt. Aber ich fürchte, dass man Ihre Sicht der Dinge weder dem Kirchenvolk noch dem niederen Klerus, den Pfarrern und Kaplänen, wird vermitteln können. Der ist doch im Theologiestudium belehrt worden, dass die Kirche, das kirchliche Lehramt nur Dienerin und Hüterin der Wahrheit, der durch den wirklich existierenden Gott ergangenen Offenbarung ist, dass es also die vorgegebene Wahrheit nur demütig empfängt, aber nicht konstruiert und herstellt. Das Konzept aber, das Sie hier – zugegeben, sehr logisch und scharfsinnig – vorgetragen haben, scheint mir doch eher einer »Als-ob-Theologie« zu gleichen. Das heißt: Es wird vor den Menschen, vor dem niederen Klerus lediglich so getan, als ob Gott existierte, als ob Er einen Sohn hätte, der Mensch geworden sei, und das alles wird nur deshalb so verkündet, um die Basis für die Herrschaft der Kirche und ihre Gesetzgebung zu legen, der sich alle in absolutem Gehorsam zu unterwerfen haben, weil das ja vermeintlich von Gott so gewollt und befohlen worden sei. Man braucht diesen Gott als absolute höchste Instanz, um absoluten Gehorsam einfordern zu können. Also behauptet man flugs als Dogma die Existenz dieses Gottes. Aber nur der höhere Klerus weiß insgeheim, dass es diesen Gott gar nicht gibt bzw. dass keinerlei Beweise für seine Existenz angebbar sind.

K.: Nun, mein Sohn, die Wahrheit ist eben ein langwieriger Prozess. Man kann auch kleinen Kindern nicht gleich all das sagen, was sie erst im Laufe eines lebenslangen Lernprozesses erfahren sollen. Höchste Wahrheiten und Klarheiten sind sodann auch in anderen, nichtreligiösen Bereichen, im politischen, ökonomischen, militärischen, im Bankwesen usw. nur ganz kleinen Eliten vorbehalten. Diese Eliten sind auch zur Geheimhaltung ihres Wissens verpflichtet. Es gibt eben Stufen der Wahrheit, eine Hierarchie der Wahrheiten, nicht bloß der Ämter, und das nicht nur in der Kirche. Die Wahrheit ist nichts Demokratisches, dem ganzen Volk Zugängliches. Selbst die modernen westlichen Demokratien machen da keine Ausnahmen. Sie tabuisieren sehr viele Dinge und halten es nicht für opportun, dem Volk reinen Wein einzuschenken. Die Kirche ist da sogar wahrhaftiger, weil sie von vornherein betont, keine Demokratie, sondern eine von Gott gestiftete Theo- und Papokratie zu sein.

Es ist aber auch gar nicht ausgemacht, dass die zum niederen Klerus Gehörigen immer von der höheren Wahrheit ausgesperrt bleiben. Wenn ein Pfarrer oder Kaplan sich hochdient, seine absolute Linientreue immer wieder unter Beweis stellt, steht ihm doch nichts im Wege, immer höhere Stufen der kirchlichen Karriereleiter zu erklimmen. Dann bekommt er ja auch als Bischof, Erzbischof oder Kardinal Zugang zu Unserem, ihm bisher verschlossen gebliebenen Wahrheitskonzept. Dann kann er auch richtig mit dieser zunächst ungewohnten höheren Wahrheit umgehen, kann sie richtig bewerten, einordnen, einstufen. Wenn er allerdings dennoch bei der niederen Wahrheitsstufe trotz seines jetzt höheren Ranges bleiben, partout die Richtigkeit unserer höheren Wahrheit und Wahrheitsstrategie nicht einsehen will, dann verfügen wir über ausreichend viele Methoden, um ihn unschädlich zu machen. Und Du siehst doch, es klappt im Allgemeinen vorzüglich. Noch nie hat ein abgesetzer oder sich in den Ruhestand zurückziehender Bischof bzw. Kardinal Unser Wahrheitskonzept verraten. Einige haben es im Lauf der Kirchengeschichte zwar versucht, aber die haben wir ganz schnell in der Öffentlichkeit als Menschen diskreditiert, die aus Ressentiment, aus Beleidigtheit und Enttäuschung über ihren Karriereknick Dinge behaupten, die die heilige Mutter Kirche nie tun oder lehren würde. Wir sind stolz darauf, vor der Öffentlichkeit viel glaubwürdiger dazustehen als alle Ketzer, Sektierer und Dissidenten zusammen genommen, als alle jene, die Differenzen mit der Kirche haben.

*

An dieser Stelle endet im Grunde das Gespräch zwischen dem Kardinal und seinem Assistenten. Denn in dessen Gehirnkasten hatten die Alarmglocken unüberhörbar geläutet, als der Kardinal vom Unschädlichmachen der Gegner seiner höheren Wahrheit gesprochen hatte. Da wurde es dem jungen Priester endgültig klar, dass auch die Altersweisheit dieses Kirchenfürsten ihn nicht daran hindern würde, gegen seinen Assistenten vorzugehen, wenn dieser sich weiterhin gegen die „höhere“ Wahrheit sperren sollte. Obwohl der junge Mann von der Tugend der Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit an sich sehr viel hielt, hatte er es doch mit der Angst zu tun bekommen. Deshalb beendete er das Gespräch mit dem jetzt auch müde und erschöpft wirkenden Kardinal mit einer Lüge, mit der Bemerkung nämlich, dass er dessen kirchliches Wahrheits- und Strategiekonzept sehr plausibel und überzeugend, ja als das einzig Richtige empfinde. Der Kardinal nahm es als bare Münze, weil er sich immer schon für einen Meister in der Kunst der Darstellung und Suggerierung schwieriger Sachverhalte gehalten hatte. Er prophezeite seinem Kaplan sogar eine große Kirchenkarriere in der Zukunft, da er doch nun diese erste schwere Hürde genommen habe und somit sozusagen zum inneren Kreis der Elitären in der Amtskirche gehöre, obwohl er doch noch gar kein Kirchenfürst sei. Aber das werde noch kommen, er, der Kardinal, werde ihn weiterempfehlen.

In Wirklichkeit war in dem jungen Priester eine ganze (Glaubens-)Welt zusammengebrochen, und er musste seine ganze Kraft aufbieten, um sich vor dem Kardinal so zu verstellen, dass der nicht erriet, was in ihm vorging. Er hatte den Eindruck, dass alle Ideale, die er bisher so hochgehalten hatte, durch die Rede des Kardinals beschmutzt und erniedrigt worden seien. Seine ganze geistige Grundhaltung war wie weggeschwemmt. Sogar die junge Nonne, seine Geliebte, mit der er sich ein paar Stunden nach dem Gespräch mit dem Kardinal wieder heimlich traf, bekam das beim Beischlaf zu spüren. „So fleischlich, so total körperlich und unpersönlich hast Du mir aber noch nie beigewohnt“, äußerte sie vorwurfsvoll. „Heute hast Du mich wirklich nur zum Abreagieren gebraucht. Was ist Dir denn über die Leber gelaufen?“ Eine Weile überlegte der Priester, ob er sie in sein Geheimnis einweihen sollte, dann legte er los und schilderte ihr rückhaltlos das Gespräch mit dem Kardinal.

Die kleine Nonne, in die unser Priester so verliebt war, war noch viel naiver und gutgläubiger als er. Sie hatte ja kein Theologiestudium wie er absolviert, ihr Glaube bewegte sich auf Katechismusniveau. „Also ich halte es für ganz unmöglich, dass alle Kirchenfürsten so denken wie unser Kardinal“, erklärte sie entschieden, nachdem der Priester seine Schilderung beendet hatte. „Vielleicht“, gab sie zu bedenken, „ist ja dieser Kardinal gar nicht so weise und gut, wie er uns bisher erschienen ist. Vielleicht ist er verbittert, enttäuscht über so Manches, das in seinem Leben schiefgelaufen ist. Z.B. über die Intrigen seiner Amtsbrüder, die ihm damals, als er einer der aussichtsreichsten Papstkandidaten war, so viele Steine in den Weg legten, dass er von sich aus, noch vor dem Eintritt in das Konklave, vor der Presse erklärte, er stehe auf keinen Fall für das höchste Amt in der Kirche zur Verfügung. So etwas wirkt sich doch auch auf die Lebensanschauungen eines Menschen aus.“

„Du hast recht“, urteilte jetzt auch der junge Priester, „es wäre ungerecht, aus einem einzigen Gespräch mit einem einzigen Kardinal zu weitreichende Schlüsse zu ziehen. Momentan ist zwar glaubensmäßig alles in mir wie erstorben, aber für ein endgültiges Urteil über diese ganze Geschichte ist es zu früh. Ich werde erst noch bei anderen Kirchenfürsten herumhorchen, wie sie die Sache sehen.“ Dazu sollte er sehr bald Gelegenheit bekommen, denn der Kardinal, dem er bisher zugeteilt war und mit dem er jenes tiefschürfende Gespräch geführt hatte, starb ein paar Wochen später, hatte aber Wort gehalten und seinen Assistenten einigen Kurienkardinälen wärmstens für eine Kirchenkarriere empfohlen.

So wurde Jakob nacheinander Mitarbeiter, Sekretär, Referent etc. in diversen Vatikanischen Sekretariaten, Kommissionen, Kongregationen und lernte auf diese Weise die Macht- und Herrschaftsmechanismen in der römischen Weltzentrale des Katholizismus immer intimer kennen. Er kam mit vielen hohen kirchlichen Würdenträgern in und außerhalb der Kurie in Kontakt und musste immer wieder feststellen, dass die meisten von ihnen pure Machtmenschen und Ehrgeizlinge waren, die nur an ihren eigenen Aufstieg auf den Stufenleitern der kirchlichen Hierarchie dachten, dabei jedoch klugerweise ständig das Wohl der Mutter Kirche im Munde führten. Zwar kam es mit diesen Herren nie mehr zu einem so langen und aufschlussreichen Gespräch wie mit dem inzwischen verstorbenen Kardinal, zwar erläuterte unserem Priester keiner von ihnen so offen und entlarvend die Wahrheitsstrategie der Kirche, in der Gott und sein Christus nur als illusionäre metaphysische Stützen für die Stabilisierung des Papsttums und der Hierarchie herhalten müssen. Aber Jakob erkannte doch stets von neuem, dass im Leben, in der tagtäglichen Praxis dieser Herren Gott nicht die geringste existentielle Rolle spielte, dass sie zwar mehr oder weniger intensiv für die Interessen der Kirche eintraten, weil dies auch ihren eigenen Karriereinteressen entsprach, dass sie jedoch in Bezug auf das Gottesproblem gleichgültige Agnostiker oder praktische Atheisten waren.

Jakob konnte zuhören, konnte schweigen, war diskret, und er hatte gelernt, stets die Form zu wahren und keine Gefühle, zumindest keine überschwänglichen, zu zeigen. So erschien er seinen Gönnern und Förderern in der Römischen Kurie für die Übernahme höherer Funktionen bestens geeignet. Aber seinen unbedingten Gehorsam wollte man vorher doch noch testen. So schickte man ihn mit verschiedenen schwierigen, teilweise ihm auch sinnlos erscheinenden Missionen in Entwicklungsländer, nach Afrika, Südamerika usw. Jakob nahm alle diese Aufträge bereitwillig an, nicht weil er Karriere machen wollte, sondern weil er den in ihm immer stärker reifenden Entschluss, der Kirche den Rücken zu kehren, auf eine möglichst breite Basis eigener Informiertheit zu stellen gedachte. Er galt als äußerst vertrauenswürdig, und so erhielt er Zugang zu vielen Generalvikariaten und erzbischöflichen Palästen dieser Länder. Was er dabei an engsten Kontakten hoher kirchlicher Würdenträger mit Diktaturen, Militärjuntas, Mafia-Bossen, Spionagediensten, Drogenschmugglern etc. entdeckte, demonstrierte ihm unwiderlegbar, dass Gott, egal, ob die Herren der Kirche nun an ihn glauben oder nicht glauben, keinen von ihnen daran hindert, die dunkelsten und dreckigsten Geschäfte dieser Welt zu machen. Gott als höchste Instanz und stärkste Stütze der Moral – das verkünden sie zwar großspurig, sagte sich Jakob, aber ihre ganze Praxis beweist, dass sie selber daran nicht im Mindesten glauben.

Derart empört war Jakob über all das, dass er umfangreiche Dossiers anfertigte, in denen er minutiös beschrieb und belegte, was er entdeckt und aufgedeckt hatte. Sein Enthüllungsmaterial versandte er an einige prominente Kirchenkritiker, versehen mit dem Zusatz, dass sie sich auf noch brisanteres Material gefasst machen sollen. Dazu kam es aber nicht mehr. Im Schnellzug Genf-Paris fand man ihn tot auf. Die näheren Umstände seines plötzlichen Todes wurden nie geklärt. Seine Geliebte, die junge Nonne, von der oben die Rede war, sagte mir unter Tränen und in grenzenloser Verzweiflung: „Sie haben ihn umgebracht. Er wusste zuviel!“

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